Am Abend des 11. Juli 2025 sitzt Frauke Brosius-Gersdorf mit ihrem Mann wie ein Häufchen Elend auf der Bettkante. «Es ist nur eine Phase, Hase», sagt sie und glaubt daran, dass auch die schlimmste Zeit irgendwann vorübergeht. So schildert die Juristin und Potsdamer Uni-Professorin in ihrem Buch ihre Gefühlswelt an dem Tag, als sie Bundesverfassungsrichterin werden sollte, aber die Wahl platzte. Der Fall Brosius-Gersdorf löste eine Krise der Bundesregierung aus. Die 55 Jahre alte Juristin hat einige Zeit gebraucht, um den Richterwahlsommer zu verarbeiten. Jetzt äußert sie sich wieder öffentlich zu gesellschaftspolitischen Fragen - etwa zur AfD und gegen ein Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland. «Wir müssen sicherstellen, dass Leihmütter ihre Entscheidung freiwillig autonom und selbstbestimmt treffen - und nicht unter Druck, Zwang oder wirtschaftlicher Not», sagt sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Sie habe deshalb aber auch wieder Anfeindungen bekommen. «Das ist ein Stück meiner Normalität geworden.» Auch der CDU-Politiker Armin Laschet attackierte Brosius-Gersdorf wegen ihrer Haltung zur Leihmutterschaft. Wichtig sei, sich davon nicht einschüchtern oder mundtot machen zu lassen, erklärt sie. Oder wie die Juristin am Ende ihres am 1. September erscheinenden Buches über das Richterwahl-Drama schreibt: «Jetzt erst recht.» Unter dem Titel «Wahl und Wahrheit. Was unser Grundgesetz gefährdet und wie wir es schützen» beschreibt die Jura-Professorin auf mehr als 300 Seiten einen «politischen Ausnahmezustand» und warnt vor dem schwindenden Vertrauen in die Demokratie. «Das war schon brandgefährlich, was da passiert ist.» Der Rückblick: Die SPD schlug Brosius-Gersdorf im vergangenen Jahr für das Amt als Richterin am Bundesverfassungsgericht vor. Doch die Union hatte erhebliche Vorbehalte, obwohl der Richterwahlausschuss des Bundestages zuvor Brosius-Gersdorf sowie zwei weitere Kandidaten nominierte. Es kam zum Streit in der Koalition, die Wahl wurde abgesagt. Die Juristin war unter anderem wegen Positionen zum Abtreibungsrecht in sozialen Medien angegriffen worden. Im August 2025 verzichtete sie nach wochenlangen Debatten auf ihre Kandidatur. Zu den Gründen sagt sie: «Ich habe auch den Eindruck gewonnen, dass ein Koalitionsbruch droht. (...) Ich wollte wirklich nicht, dass die Regierung auseinanderbricht.» In dem parteipolitischen Streit war bei der SPD von einer Hetzjagd gegen Brosius-Gersdorf die Rede. Eine «Diffamierung», eine «rechtspopulistische Schmutzkampagne» sei im Gang, hieß es in Kommentaren auch. Die Juristin geriet ins Visier rechter und rechtskonservativer Angriffe. Der Bochumer Politik-Professor Oliver W. Lembcke spricht von einer «Radikalisierung der Formen politischer Auseinandersetzung». Brosius-Gersdorf, die teils als «ultralinks» bezeichnet wurde, ist überzeugt: «Rechtsnationale Kreise wie die AfD sind für die Kampagne gegen mich mitverantwortlich, teilweise flankiert von neuen rechten Medien.» Ihre Standpunkte zum Schwangerschaftsabbruch und zu einem AfD-Verbot wurden nach ihrer Darstellung unzutreffend und unvollständig dargestellt. In ihrem Buch will sie über ihre wissenschaftlichen Positionen zu diesen Themen informieren - und plädiert für Reformen beim Verfahren der Richterwahl. Entscheidend für ihre gescheiterte Wahl im Sommer 2025 war, dass in der Unionsfraktion die Ablehnung zu groß wurde - auch als Plagiatvorwürfe dazu kamen. Nach einer Prüfung ihrer Doktorarbeit sind diese laut Universität Hamburg aber ungerechtfertigt. Das Platzen der Wahl zur Richterin am Bundesverfassungsgericht wurde auch dem früheren Fraktionschef Jens Spahn angelastet, weil er den Widerstand in den eigenen Reihen nicht rechtzeitig erkannte. «Er entschuldigt sich bei mir. Immerhin. Das hat außer ihm niemand aus der Unionsfraktion getan», schreibt Brosius-Gersdorf, die parteilos ist. Der Politologe Lembcke sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Wenn die Union eine Kandidatin für ungeeignet hält, muss sie diese Auffassung vertreten - in einem geordneten Verfahren und mit nachvollziehbaren Argumenten.» Genau hier habe die politische Führung versagt und damit «Empörungsunternehmern» den Raum überlassen. «Aus einer Richterwahl wurde so ein Kulturkampf», sagte Lembcke. Nach dem Krisenjahr sitzt die Professorin für Verfassungs- und Sozialrecht mit einem Lächeln in ihrem Arbeitszimmer an der Universität Potsdam. «Ich bin jetzt erstmal glücklich, wieder in meiner Wissenschaft und in der Welt der Vernunft angekommen zu sein», sagt die 55-Jährige, die von der Berliner Philharmonie schwärmt und gerne wandert und joggt. Im kommenden Jahr steht für sie ein Forschungssemester an. «Da habe ich auch Zeit, mal wieder ein schönes großes Buch zu schreiben. Ich habe noch so viele Ideen.» Auch zu öffentlichen Debatten wie um das Bundespräsidentenamt meldet sie sich zu Wort. «Das Wichtigste fürs Bundespräsidentenamt ist, dass wir eine intelligente Person bekommen, eine integre und eine, die Brücken baut, weil unsere Gesellschaft nach meinem Eindruck immer mehr auseinanderdriftet.» Diese Aufgabe könne sehr gut eine Frau übernehmen. «Ich fände es ein starkes Zeichen, eine Frau zu nehmen.» Kommt auch ein politisches Amt für sie infrage? Ihre Antwort lässt Raum für Möglichkeiten: «Man soll nie nie sagen.» Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenBrosius-Gersdorf: Immer wieder Anfeindungen
Angriffe wegen Standpunkt zu Abtreibungen
Von Diffamierung ist die Rede
Unions-Widerstand gegen SPD-Kandidatin
Brosius-Gersdorf: Spahn hat sich entschuldigt
«Zurück in der Welt der Vernunft»
Eine Frau im Schloss Bellevue?