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«Schicksalstag» - als der Krieg in Rheinsberg einschlug

«Schicksalstag» - als der Krieg in Rheinsberg einschlug
Das Schloss blieb bei dem Bombenangriff weitestgehend verschont. (Archivbild) / Foto: Soeren Stache/dpa
Von: DieBrandenburger News
Rheinsberg war vom Zweiten Weltkrieg weitestgehend verschont geblieben. Das änderte sich im April 1945. Knut Elstermann hat über den verheerenden 29. April ein Buch geschrieben.

Es gibt nur wenige Tage, die das Leben der Bürger in einer Stadt völlig aus den Angeln heben. In Rheinsberg im Norden Brandenburgs war es der 29. April 1945. Der Tag, an dem das Unheil des Krieges mit brachialer Wucht in das Städtchen einschlug und in dessen Verlauf rund 180 Menschen starben. Über diesen Schicksalstag hat RBB-Moderator und Filmexperte Knut Elstermann ein Buch geschrieben. 

«Idyll» Rheinsberg

«Auch im Krieg war Rheinsberg noch ein Idyll», erzählt Elstermann, der in Rheinsberg seinen zweiten Wohnsitz hat und mit der Stadt eng verwurzelt ist. Viele Menschen hätten erst mit den Todesmärschen der Inhaftierten aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen das schreckliche Bild des Krieges zu sehen bekommen. 

Viele Zeitzeugen, mit denen der Journalist sprach, berichteten von dem Geräusch, das sie von den Menschen auf den Todesmärschen für immer verinnerlicht haben: Das Geräusch schlurfender Füße, umhüllt von Holz und Stofflappen als Schutz für geschundenen Füße nach kilometerlangen Märschen.

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Die Nazis hatten das Konzentrationslager Sachsenhausen im April 1945 geräumt und trieben die Insassen in Richtung Nordwesten. «Das war ein zielloses Losgehen. Ein völliger Nazi-Irrsinn», sagte Elstermann. Für viele Rheinsberger Kinder war der Anblick dieses Leids der erste bewusst erlebte Berührungspunkt mit dem Krieg. Die Gesprächspartner für Elstermanns Recherche waren Menschen, die als Kinder und Jugendliche diese letzten Kriegstage in Rheinsberg erlebten. Die Tage waren die Vorboten für den verhängnisvollen 29. April 1945.

«Der schreckliche Tag»

«Der schreckliche Tag» war ein Sonntag, heißt es in dem Buch. An diesem Tag näherte sich die Sowjetarmee. Während man im unweit entfernten Neuruppin die friedliche Übergabe der Stadt vorbereitete, wollten fanatische Nazis Rheinsberg bis zum Letzten verteidigen. Die SS warnte die Bürger «unter Todesdrohungen davor, weiße Flaggen zu zeigen», heißt es in Elstermanns Buch. Der Bürgermeister hisste dennoch eine weiße Flagge. Die Nazis trieben ihn daraufhin in den Selbstmord. Er erhängte sich in seiner Wohnung - gemeinsam mit seiner Frau und der Pflegetochter. 

Wenig später nahm das Unheil seinen Lauf. Über die genauen Geschehnisse kursieren laut Elstermann verschiedene Varianten. Doch sie beinhalten letztlich denselben Kern: Als der sowjetische Parlamentär den Ortsgruppenleiter der NSDAP, Karl Recke, aufsucht, wird er von diesem erschossen. Recke - ein Fanatiker, der sich nur in SA-Uniform gezeigt haben soll - erhängt sich daraufhin oder wird von einem Rheinsberger erschossen. Auch darüber gibt es verschiedene Erzählungen. 

Das Kriegsverbrechen Reckes führte letztlich zur Katastrophe. Die Russen begannen Rheinsberg aus der Luft anzugreifen und flogen in mehreren Wellen Bombenangriffe auf die Stadt am Grienericksee. «Eine Panik brach aus», schildert einer der Zeitzeugen in Elstermanns Buch. «Tote Menschen, tote Pferde, zerstörte Autos, Pferdewagen (...) blockierten die Straßen.» Nach jedem Angriff der Russen lagen Verletzte und Tote auf den Straßen, die Menschen suchten in Kellern Schutz, an allen Ecken brannte es.

Totenliste erschütterndstes Dokument

Etwa 40 Häuser wurden laut Elstermann beschädigt. Nach dem Angriff aus der Luft setzten sowjetische Truppen ihren Rachefeldzug am Boden fort. «Es kam zu Plünderungen, Brandstiftungen und Vergewaltigungen.» Ein Apotheker aus Rheinsberg teilte Gift aus und viele Menschen wählten den Suizid. Eine Totenliste dieses Tages verzeichnet etwa 180 Todesfälle. Diese Totenliste sei das «erschütterndste Dokument» gewesen, das er für die Recherche las, sagt Elstermann.

Das Buch des Journalisten beleuchtet die persönlichen Schicksale rund um den 29. April 1945. Zwei jugendliche Deserteure, die von den Nazis erschossen wurden. Ein Arzt, der nach den Vergewaltigungen zig Schwangerschaftsabbrüche durchführte. Ein Totengräber, der die Anzahl der Leichen nicht mehr nennen konnte. Das Buch zeigt aber auch, wie der Tag noch lange Jahre in das Zusammenleben der Menschen in der Stadt hineinwirkte. 

Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt

Die Suche nach Informationen war für den RBB-Journalisten durchaus aufwendig. Das Rathaus brannte zum Ende des Krieges mitsamt Archiv aus. Die Rheinsberger Zeitung stellte 1942 ihr Arbeit ein. Nur wenig wurde in den chaotischen Tagen im Frühjahr 1945 dokumentiert. «Diese Lücken lassen sich nicht mehr schließen», sagt Elstermann. Die Zeit sei bis heute von Legenden überwuchert. Gerade diese zeigten aber, wie tief sich der Tag ins kollektive Gedächtnis gebrannt habe.

Nach dem Krieg wurde vieles von dem gedeckelt, was sich in den letzten Kriegstagen abspielte. Politisch war die Auseinandersetzung unerwünscht, die Bürger - mit dem Wiederaufbau beschäftigt - verdrängten die düsteren Erinnerungen, sagt Elstermann. 

Sein Buch ist in enger Zusammenarbeit mit dem Verein für Stadtgeschichte in Rheinsberg gefertigt worden. Die ersten 1.000 Exemplare sind bereits vergriffen, Elstermann denkt über eine zweite Auflage nach. Das Buch ist ein eindrucksvolles Zeugnis über einen der dunkelsten Tage der Stadtgeschichte - es zeigt, wie binnen weniger Stunden durch die Taten Einzelner das Leben einer ganzen Kleinstadt eine verheerende Wendung nehmen kann.

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