Dieser Text ist ein Auszug aus der 139. Ausgabe der MARK: Romanzen in Brandenburg.
Im Jahr 1919 zog Johanna Elberskirchen mit ihrer Lebensgefährtin Hildegard Moniac in die Mark Brandenburg, nach Rüdersdorf, vor die Tore Berlins. Elberskirchen war zu diesem Zeitpunkt 55 Jahre alt. Hinter ihr lag bereits ein bewegtes Leben: Sie hatte in Zürich Medizin und Recht studiert, im Tessin zusammen mit Anarchistinnen und Anarchisten, Mitgliedern der Lebensreform und Kunstschaffenden in Michael Bakunins „Villa Baronata“ gewohnt, war in der Schweiz steckbrieflich gesucht worden, hatte sich im Kaiserreich für Sozialdemokratie und Frauenrechte engagiert, war aktiv in der Homosexuellenbewegung und als Naturheilkundlerin gewesen. Sie eckte an, überforderte ihre Zeitgenossen und -genossinnen, reizte, schrieb und stritt.
Keine Tochter aus gutem Hause
Begonnen hatte ihr bemerkenswerter Lebensweg 1864 in Bonn. Johanna Elberskirchen wuchs hier in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf und erwarb trotz ihrer bescheidenen Herkunft die nötige Voraussetzung für ein Studium – ein ungewöhnlicher Weg für eine Frau ihrer Zeit, der von der Unterstützungsbereitschaft ihrer Familie, großer Eigeninitiative und ihrem unbedingten Bildungswillen zeugt. Ab 1891 studierte sie Medizin und später Jura in der Schweiz; denn im Kaiserreich wurde Frauen zu dieser Zeit das Studium verwehrt.
Die verschiedenen Abenteuer und Erlebnisse dieser Jahre können hier nur umrissen werden. Das Studium konfrontierte Johanna Elberskirchen mit hohem Konkurrenzdruck, materiellen Nöten und frauenfeindlichen akademischen Strukturen, war aber auch geprägt von der Solidarität und dem Austausch zwischen den Studentinnen. Hier lernte sie ihre erste Lebensgefährtin, Anna Eysoldt, kennen und beteiligte sich an deren verworrenem Scheidungsprozess mit dem Schweizer Rechtsanwalt und Sozialdemokraten Ernst Aebi.
Aebi war fest in den männlich dominierten Strukturen der Region verwurzelt, und Elberskirchen sah nur einen Weg, wirkungsvoll Partei für ihre Freundin zu ergreifen: Sie richtete sich schreibend an die Öffentlichkeit, bewirkte Empörung, rief dadurch Zensur und Justiz auf den Plan, und schließlich kam es zu einem Haftbefehl, dessen Vollstreckung sie sich nur durch Flucht entziehen konnte. Elberskirchens Jahre in der Schweiz waren gekennzeichnet von Hürden und Widerständen, aber auch von dem kämpferischen und dabei fast spielerisch wirkenden Enthusiasmus, mit dem sie gegen diese vorging.

Die eigene Stimme finden
1901 kehrte sie ohne einen Abschluss, aber um viele Erfahrungen reicher, nach Bonn zurück, wo sie gemeinsam mit Anna Eysoldt in eine Wohnung zog. Die nun folgenden Jahre bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs waren ihre produktivste Schaffensphase. Sie schrieb zahlreiche Artikel, Aufsätze und Bücher. Erste eigene Texte hatte sie schon vor dem Studium verfasst, anfangs unter männlichem Pseudonym, dann bald unter eigenem Namen.
Den Mut zur eigenen Stimme hatte sie früh gefunden, und zu was für einer Stimme! Schon ihre ersten Texte bezeugen eine beeindruckende Souveränität, Wut und Witz, wirkten polarisierend, im Ton polemisch, manchmal pathetisch – und von Anfang an ging es um feministische Themen. Ab 1901 schrieb sie gegen einen „wissenschaftlichen“ Antifeminismus, wie man ihn beispielsweise in Paul Julius Möbius’ Schrift „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ findet. Sie publizierte Texte zur Sexualreform und gemeinsam mit Anna Eysoldt zu Kinderheilkunde und Erziehung, schrieb über Frauenrechte und Sozialdemokratie, über selbstbestimmte weibliche Lust, Homosexualität und lesbische Liebe.
Vieles an ihren Publikationen wirkt heute beinahe erschreckend modern, manches widersprüchlich, anderes ganz in der damaligen Zeit verankert. Biologistische und eugenische Argumente in ihren sexualwissenschaftlichen Schriften befremden heute. Hingegen ist ihr 1904 publizierter Satz „Sind wir Frauen der Emanzipation homosexual – nun dann lasse man uns doch! Dann sind wir es doch mit gutem Recht“ in seiner selbstbewussten Artikulation lesbischer Identität wegweisend und als implizites Outing unter Feministinnen ihrer Zeit einzigartig.
Soziales Engagement und eine neue Lebensphase
1913 wurde Elberskirchen wegen angeblichen Klassenverrats aus der SPD ausgeschlossen. Im selben Jahr starb Anna Eysoldt. Es begann eine neue Lebensphase. Elberskirchen arbeitete als Naturärztin im Sanatorium Bismarckhöhe und später in der Berliner Säuglingsfürsorge. Ab 1914 sind keine Publikationen mehr von ihr bekannt. Sie engagierte sich aber weiterhin, besonders für die Rechte von Homosexuellen. So war sie beispielsweise Referentin auf verschiedenen Treffen der Weltliga für Sexualreform und von 1914 bis 1920 „Obmann“ im Wissenschaftlich-humanitären Komitee, das u. a. von Magnus Hirschfeld ins Leben gerufen worden war. Auch zu dessen berühmtem Institut für Sexualwissenschaft in Berlin gab es Verbindungen.

Im Sanatorium Bismarckhöhe lernte Elberskirchen die 27 Jahre jüngere Hildegard Moniac kennen, die sich hier von einer Tuberkuloseerkrankung erholte. Die beiden Frauen sollte bis zu Elberkirchens Tod – und darüber hinaus – eine enge Partnerschaft verbinden. Zuerst lebten sie gemeinsam in Berlin-Moabit, dann zogen sie 1920 nach Rüdersdorf in die heutige Rudolf-Breitscheid-Straße 57, wo Elberskirchen eine homöopathische Praxis eröffnete. Moniac arbeitete in Berlin als Gewerbeschullehrerin. Das Haus hatte einen Steinfußboden, es gab kein fließendes Wasser. Es grenzte aber an den Kanal, und die Umgebung Rüdersdorfs mit reichlich Wald und Seen übte einen ganz eigenen Reiz aus, besonders auf Elberskirchen, die von den heilenden Kräften der Natur überzeugt war und im großen Garten Gemüse für die Selbstversorgung anbaute. Ob es wohl Verbindungen zum Naturheilverein oder zur Homöopathischen Kuranstalt im nahen Friedrichshagen gab?
"Queeres" Leben im Brandenburg der 1920er-Jahre
Wie so vieles andere aus dieser Zeit wissen wir das nicht, auch nicht, wie es sich lebte als offen lesbisches Paar im Brandenburg der 1920er-Jahre. Der § 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte, galt im Deutschen Reich zwar nicht für Frauen, aber auch die lesbische Liebe war gesellschaftlich verpönt und machte Menschen nicht selten zur Zielscheibe von Diskriminierung und Repression. Dass es neben der brodelnden Berliner Subkultur, neben Lokalen und Clubs wie Eldorado, Mali und Igel oder Kleist-Kasino auch homosexuelles Lieben und Leben auf dem Land gab, liegt auf der Hand – nur ist viel weniger darüber bekannt.
Die nationalsozialistische "Machtergreifung" 1933
Frühjahr 1933. Die sogenannte „Machtergreifung“. Nur wenige Monate, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war, plünderten Studenten und SA-Männer das Institut für Sexualwissenschaft. Tausende Bände der einzigartigen Forschungsbibliothek endeten in den Flammen der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz. Die neuen Machthaber griffen gezielt Orte und Foren homosexueller Subkultur an. Und die überzeugte Sozialistin Hildegard Moniac wurde als „politisch unzuverlässige Person“ aus ihrer Anstellung entlassen. Sie unterstützte Elberskirchen von nun an in deren Praxis. Das Paar kämpfte mit finanziellen Problemen, lebte bisweilen in Armut. Dazu die erdrückende politische Lage: Lesbische Frauen wurden zwar auch nicht unter dem 1935 verschärften § 175 verurteilt, doch in einer Gesellschaft, in der soziale Stigmata tödliche Konsequenzen haben konnten, war ihre Lebensweise ein Risikofaktor.

Wir wissen nicht, wie Elberskirchen und Moniac mit diesem Druck umgingen. In den Erinnerungen von Zeitzeugen aus den 1920er Jahren begegnet man zwei charismatischen Frauen, die sich kommunal engagierten und ihre Beziehung nicht geheimhielten. Die Zeit nach 1933 scheint dagegen von einem zunehmenden Rückzug ins Private gekennzeichnet gewesen zu sein. Was wäre auch die Alternative gewesen? Elberskirchen beantragte – man möchte sagen: natürlich – nie die Aufnahme in die Reichsschriftgutkammer und unterlag daher einem Publikationsverbot. Endgültig erlosch ihre Stimme am 17. Mai 1943. Schon längere Zeit krank, starb sie im Alter von 79 Jahren an den Folgen eines Unfalls. Hildegard Moniac überlebte den Krieg, leitete die Grundschule Alt-Rüdersdorf, wurde aber 1951 an die Berufsschule versetzt – womöglich aufgrund ihrer Homosexualität. Sie lebte bis zu ihrem Tod 1967 mit ihrer Lebensgefährtin Luitgarde Kettner zusammen.
Individualistin aus Prinzip
1897 hatte die damals 33-jährige Johanna Elberskirchen für einen Eintrag in das „Lexikon der deutschsprachigen Frauen der Feder“ über sich selbst geschrieben: „Individualistin war ich stets aus Instinkt und werde es wohl auch bleiben.“ Mit ihrem selbstbewussten Nonkonformismus, ihren bisweilen gegensätzlichen Positionen, ihrem Auftreten als lesbische Feministin und ihrem lebenslustigen Drang nach Ausdruck hat sie diese Worte wahr gemacht. Man könnte von einer lebenslangen Romanze mit dem Wort sprechen, von einem Instrument, die Welt zu verändern und sich selbst, ungeachtet aller Widerstände, einen Platz in ihr zu erschaffen.
Von Johanna Elberskirchen ist kein Nachlass, sind keine Briefe oder Tagebücher überliefert. Ihr letztes Buch, wahrscheinlich ihre Memoiren, ist verschollen. Von vielem wird hier also geschwiegen. Was gesagt werden kann, verdanken wir vor allem den Recherchen Christiane Leidingers, ohne deren Arbeit an Johanna Elberskirchens Biographie und Werk dieser Artikel nicht möglich gewesen wäre.
Ein heimliches Begräbnis in Rüdersdorf
Zuletzt gibt es noch eine Geschichte zu erzählen: 1975, dreißig Jahre nach Kriegsende, machen sich zwei Frauen auf den Weg zum Rüdersdorfer Friedhof. Mit dabei haben sie eine Urne, in der sich die Asche von Johanna Elberskirchen befindet. Heimlich und unbemerkt setzen sie die sterblichen Überreste im Grab von Hildegard Moniac bei. Die Öffentlichkeit wird erst Jahrzehnte später davon erfahren. Und heute? Seit 2003 würdigen zwei Gedenktafeln das gemeinsame Grab von Johanna Elberskirchen und Hildegard Moniac. Schließt sich hier der Kreis einer Romanze in Brandenburg?
Literatur:
Christiane Leidinger: Keine Tochter aus gutem Hause, Johanna Elberskirchen (1864-1943)
https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/johanna-elberskirchen
http://www.queeres-brandenburg.info/index.php
Autor:
Leon Ebert studiert Geschichte und Philosophie. Verwurzelt in Berlin und mit Freude an Sprache und Text zieht es ihn immer wieder hinaus nach Brandenburg.
Lesen Sie mehr über Romanzen in Brandenburg in der 139. Ausgabe der MARK. Unsere Autorinnen und Autoren führen Sie in dieser Ausgabe der MARK in die Adelswelt der Frühen Neuzeit und in Berliner Badestuben und Bordelle, in den Alltag lebenslanger Gefährtinnen und Gefährten wie der Fontanes oder der Strittmatters und zu Paaren, deren Bündnis tragisch endete – wie bei Heinrich von Kleist und Henriette Vogel. Sie begegnen vielfältigen Lebensentwürfen, Persönlichkeiten der brandenburgischen Landesgeschichte, Kunstschaffenden wie Brecht und Weigel, politisch Engagierten wie Regine und Jörg Hildebrand und vielen anderen. Wir laden Sie ein zu einer Reise durch Brandenburgs Liebes- und Lebensformen – und damit auch durch Gesellschaftsgeschichten: vielfältig, widersprüchlich, zutiefst menschlich.