Dieser Text ist ein Auszug aus der 130. Ausgabe der MARK Brandenburg: Konservative Mark.
„Es gibt im Kapitalismus drei Moralauffassungen: die der absterbenden Feudalaristokratie, die der herrschenden Bourgeoisie und die des aufsteigenden Proletariats. In der konsequenten Überwindung von Individualismus und anderen Erscheinungen der bürgerlichen Ideologie werden der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung auf dem Boden der Deutschen Demokratischen Republik die Grundlagen entzogen.“
Mit der Gründung der DDR 1949 wurde das in der Sowjetischen Besatzungszone begonnene Projekt einer großangelegten gesellschaftlichen Umgestaltung weiter vorangetrieben. Das Land sollte entnazifiziert, und eine überkommene soziale Struktur sollte bekämpft werden, um letztlich dem „real existierenden Sozialismus“ als ganzheitlicher Vision einer besseren Gesellschaft zu weichen. Dieser Transformation im Weg standen die Vertreter des „Gestrigen“, die von der sozialistischen Propaganda in der bürgerlichen Gesellschaftsform, in konservativen Milieus und in den Kirchengemeinden verortet wurden.
Die konservativen Milieus sahen sich in der DDR also nicht nur mit einer ideellen Spannung zum staatlich verordneten Zeitgeist, sondern mit tatsächlicher politischer Gegnerschaft konfrontiert. Außer Enteignung und – auf dem Lande – Kollektivierung war es nicht zuletzt auch die rigorose Entnazifizierung, die große Teile der traditionellen Eliten aus Politik, Justiz, Kultur, der Exekutive und den Schulen verbannte und damit den Einfluss konservativer Kräfte weiter einschränkte.
Eine konservative Tradition
Für das Land Brandenburg, das aus dem 1947 aufgelösten Preußen hervorgegangen war, bedeuteten diese Einschnitte den Bruch mit einer konservativen politischen und kulturellen Tradition. Doch dies bedeutet nicht, dass konservative Foren keine Möglichkeit gefunden hätten, unter den widrigen Umständen weiterzubestehen. So wurde die NDPD zu einem Auffangbecken „nicht belasteter“ ehemaliger NSDAP-Mitglieder, die LDPD richtete sich an die liberal-bürgerliche Klientel, und die „Demokratische Bauernpartei Deutschlands“ (DBD) sollte konservative Wählergruppen aus dem ländlichen Raum für das sozialistische Projekt gewinnen.
Christdemokraten in der DDR
Nicht zuletzt gab es in der DDR auch eine Christlich-Demokratische Union Deutschlands, CDU, deren Einfluss nach anfänglichen Erfolgen in der Nachkriegszeit durch zunehmende Repression gemindert wurde. Die Partei war – ähnlich wie die anderen „Blockparteien“ – gezwungen, sich an der durch die SED vorgegebenen politischen Ausrichtung zu orientieren.
Mit dem „Union Verlag“ und dem Verlag „Koehler & Amelang“ verfügte die CDU über eigene Publikationsorgane. In Brandenburg erschien von 1948 bis 1990 die „Märkische Union“, die als Sprachrohr der Partei 1981 eine Auflage von rund 41.000 Exemplaren erreichte.

Das Opium des Volks?
Doch die Mischung aus Repression und gesellschaftlichem Druck zeigte Wirkung. Spätestens ab den 1950er Jahren ließ sich in der DDR kein im eigentlichen Sinne konservatives Milieu mehr ausmachen. Als Zuflucht konservativen Denkens und konservativer Akteure in dieser Zeit können die Kirchengemeinden gelten. Dass auch sie ständig in Konflikt mit dem Regime standen, dürfte wenig überraschen. Unter der SED-Führung galt das Marx-Diktum: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt (...). Sie ist das Opium des Volks.“
In der noch jungen DDR, 1949, gehörten über 90% der Bevölkerung einer Kirchengemeinde an. 80% davon waren in den evangelischen Landeskirchen organisiert. Wie erfolgreich die atheistische Weltanschauung die christliche Religion verdrängte, mag der Umstand zeigen, dass 40 Jahre später nur noch 26% der DDR-Bürger Mitglieder in einer Kirche waren. Dennoch erhielt sich in den Kirchengemeinden ein Refugium eigenständigen Denkens.
1948 war die „Kirchenprovinz Mark Brandenburg“ in „Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg“ umbenannt worden und war fortan Teil der Evangelischen Kirche in Deutschland (EDK). Für das Land Brandenburg war der „Bereich Ost“ zuständig.
Bildung unter dem Dach der Brandenburgischen Landeskriche
Ein Beispiel für die Bemühungen, traditionelle Werte zu wahren, waren die zahlreichen Konflikte der Brandenburgischen Landeskirche mit der DDR-Regierung und das Wirken des kurmärkischen Generalsuperintendenten Walter Braun. Als Kuratoriumsvorsitzender der Hoffbauer-Stiftung richtete Braun nach Verhandlungen mit der Sowjetische Militäradministration – und zunächst ohne Beteiligung der DDR-Behörden – auf dem Hermannswerder in Potsdam mit dem „Kirchlichen Seminar“ trotz des Verbots von privaten und konfessionellen Schulen eine Ausbildungsstätte jenseits gesellschaftspolitischer Indoktrination und in christlich-humanistischer Bildungstradition ein.
Im Gemeinschaftsleben und in freier Geistesentfaltung wurde den Seminaristen religiöse Bildung vermittelt, sie wurden in den Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch unterrichtet, und konnten mit ihrem Schulabschluss ein Theologie- oder Kirchenmusikstudium aufnehmen. Aus dem Kirchlichen Oberseminar wurde 1990 die erste Privatschule der DDR und das heutige Evangelisches Gymnasium Hermannswerder.
Braun wirkte gegen die „Verweltlichung“ des Geisteslebens in der DDR, wenn er 1948 die traditionellen „Kurmärkischen Kirchentage“, die in der Regel alljährlich in Potsdam stattfanden, wiederbelebte. Es gelang ihm, im Rundfunksender „Radio DDR“ am 16. Juni 1957 eine Aufnahme des Kantatengottesdienstes vom Kurmärkischen Kirchentag in Potsdam mit der Bachkantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ übertragen zu lassen.
Kirche im atheistischen Staat
In einer atheistisch geprägten Umwelt das Wort Gottes zu verkünden, dafür stand viele Jahre als Bischof der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg Albrecht Schönherr. Aus dem Krieg zurückgekehrt, wurde er am Brandenburger Dom Gemeindepfarrer, Superintendent, Domdechant und schließlich 1951 auch Leiter des dort gegründeten Predigerseminars. Als Bischof versuchte er, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat zu moderieren. „Was hat Gott hier mit uns vor?“ war die Frage am 6. März 1978 in einem Gespräch zwischen dem Bund Evangelischer Kirchen und dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker. Mit der Formel „Kirche im Sozialismus“ wurde als Ortsbestimmung beantwortet, was gesellschaftliche Realität geworden sein sollte: Kirche weder für, noch gegen, sondern im Sozialismus.
Den Menschen eine Stimme geben: Friedliche Revolution und Wiedervereinigung
1981 übernahm Gottfried Forck das Bischofsamt. Der staatliche Zerfall und die gesellschaftlichen Konflikte waren bereits allgegenwärtig. In den Kirchengemeinden formierten sich Opposition und Bürgerbewegung. Tausende Jugendliche feierten in Ost-Berlin „Blues-Messen“ – Forck öffnete ihnen die Türen. Er drang auf die Einführung eines Zivildienstes für Wehrdienstverweigerer, engagierte sich in der unabhängigen Friedensbewegung. In den Monaten der „Friedlichen Revolution“ wurde die Losung „Keine Gewalt“ zur Wahrung der Menschenwürde verbreitet.
In seinem Amtsbereich arbeitete Bischof Forck seit 1982 mit dem Konsistorialpräsidenten Manfred Stolpe zusammen. Dieser wurde am 1. November 1990 der erste Ministerpräsident des neuen Bundeslandes Brandenburg. Als Politiker der SPD leitete er drei Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt, eine Regierung mit dem christdemokratischen Innenminister Jörg Schönbohm. Dieser sollte im Jahr 2009 in einem Interview mit der Bild-Zeitung „eine verbreitete Stillosigkeit“ der Ostdeutschen als „eine Folge der Entbürgerlichung der DDR“ und „die Folgen der Entchristlichung des Ostens“ konstatieren.
Literaturhinweise:
Rainer Land, Ralf Possekel: Namenlose Stimmen waren uns voraus. Politische Diskurse von Intellektuellen aus der DDR. Bochum 1994
Christian Sachse: Den Menschen eine Stimme geben. Bischof Gottfried Forck und die Opposition in der DDR. Berlin 2009
Wolfgang Venohr: Die roten Preußen. Vom wundersamen Aufstieg der DDR. Erlangen/Bonn/Wien 1989
Der Autor:
Marcel Piethe, Jg. 1973, Historiker, leitet als Geschäftsführer den wissenschaftlichen Projektbereich des Zeitreisen Veranstaltungs- und Projektmanagements. Als Autor veröffentlicht er u. a. Beiträge zur Berlinbrandenburgischen Landesgeschichte, seit 2015 Herausgeber der Zeitschrift Die Mark Brandenburg.
Lesen sie mehr über die Konservative Mark in der 130. Ausgabe der MARK Brandenburg: Historische Persönlichkeiten und prägende Gedanken aus 600 Jahren märkischer Geschichte fügen sich in diesem Heft zu einer Collage des Konservativen. Unsere Autorinnen und Autoren stellen Ihnen bekannte und weniger bekannte Elemente der konservativen Geschichte Brandenburgs vor – und widmen sich damit der (Neu)Erzählung einer Tradition, die auch in unseren bewegten Zeiten nicht vergessen werden sollte.