Dieser Text stammt aus der 141. Ausgabe der MARK Brandenburg: Das Land Beeskow Storkow.
Wie Fontane unterwegs zwischen Beeskow und Storkow
Als Theodor Fontane vermutlich in den 1870er-Jahren das Land Beeskow-Storkow besuchte, beschrieb er die Region mit einer Mischung aus liebevoller Ironie, märkischer Nüchternheit und poetischer Weite. Er sah die Landschaft als unscheinbar und zugleich voller stiller Schönheit — typisch märkisch eben, aber mit einem eigenen, schwer erklärbaren Zauber.
Entstanden ist dieses Land als solches vor 500 Jahren. Im 13. Jahrhundert gelangten die Burgen in Beeskow und Storkow samt ihren Herrschaftsbereichen in den Besitz der Herren von Strele. Über die Jahrhunderte hinweg und unter verschiedenen Besitz- und Herrschaftsverhältnissen entwickelten sie sich im Gleichklang zu einer zusammenhängenden historischen Kulturlandschaft. Aus dem Territorium, das seinerseits auf eine viel ältere Besiedlungs- und Naturgeschichte zurückgeht, wurde mit der Zeit ein Land, dessen kulturelle und naturräumliche Prägung und Eigenart bis heute sichtbar ist.

Die eiszeitliche Entstehungsgeschichte einer Landschaft
Wie alle Landschaften Brandenburgs, so blickt auch das Land Beeskow-Storkow auf eine eizeitliche Vergangenheit zurück. In einer rund 350.000 Jahre währenden Phase schoben sich skandinavische Inlandgletscher weit nach Süden vor. Die jüngste Eiszeit, die Weichseleiszeit, blieb in der Mitte Brandenburgs stehen. Sie endete vor etwa 18.000 Jahren, und in ihr wurden die Grundzüge der Region modelliert.
So entstand die Beeskower Platte, die später das Zentrum der mittelalterlichen Herrschaft Beeskow bilden sollte. Sie wird an drei Seiten von der Spree umflossen bzw. von Spreetalungen begrenzt. Weite Ackerflächen bestimmen das Bild dieser Kulturlandschaft. Nordöstlich von ihr liegt die Berlin-Fürstenwalder Spreetalniederung. Sie ist Teil des Berliner Urstromtals und großflächig von Kiefernwäldern bedeckt.
Im Nordwesten grenzen die Saarower Hügel an die Beeskower Platte. Dieses stark reliefierte Hochflächen- und Hügelland breitet sich um den Scharmützelsee aus und bildet einen markanten Kontrast zu dem umgebenden Gebiet. Besonders hervorzuheben sind die Endmoränenzüge der Rauener Berge, die Höhen bis zu 153 m erreichen. Im Westen liegt das Dahme-Seengebiet. Dieses weitgehend ebene Talsandgebiet ist geprägt von zahlreichen Seen, ausgedehnten Kiefernwäldern und einem verzweigten Rinnensystem.

Siedlungsgeschichte
Erst mit der Klimaerwärmung sowie dem Aufkommen des Ackerbaus und der Vorratswirtschaft in der jüngeren Steinzeit vor rund 6.000 Jahren wurde das Gebiet dauerhaft besiedelt. Es traten erste Veränderungen an der Naturlandschaft auf. Und zwar wurden Wälder gerodet, um Platz für den Ackerbau und die Errichtung von Behausungen zu gewinnen.
In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung siedelten in dem Gebiet unter anderem die Semnonen. Archäologische Spuren zeugen noch heute von ihrer Anwesenheit. In Klein Köris wurden in den 1970er Jahren Reste einer germanischen Siedlung entdeckt. Die Bewohner lebten in ebenerdigen Wohnstallhäusern mit Herdstellen und Lehmfußböden. Die Lebensgrundlage bildeten Ackerbau und Viehhaltung, ergänzt um Jagd und Fischfang. Nachgewiesen sind außerdem verschiedene Handwerke, darunter Textilproduktion sowie die Verarbeitung von Holz, Eisenerz, Knochen und Geweih. Ortsfremde Schmuck- und Keramikfunde weisen auf weiträumige Kontakte hin. Heute befindet sich an dieser Stelle das Freilichtmuseum „Germanische Siedlung“ Klein Köris.
Während die Region vom 1. bis zum 3. Jahrhundert ein vergleichsweise dicht besiedeltes Gebiet war, änderte sich das Bild ab dem 4. Jahrhundert grundlegend: Die Landschaften lagen weitgehend brach, und die Bewohner wanderten ab. Auch die Siedlung von Klein Köris wurde in dieser Zeit aufgegeben. Ab dem 7. Jahrhundert setzte erneut eine Besiedlung ein, diesmal durch den slawischen Stamm der Spreewanen, die hier bis ins 13. Jahrhundert lebten. Im späten 13. Jahrhundert drangen im Zuge der Ostkolonistaion Deutsche, Holländer und Flamen in das Gebiet vor und errichteten an strategisch günstigen Orten Burgen, wie etwa in Storkow, Teupitz oder Beeskow.
Landnutzung: fruchtbartbares Land in Brandenburg
Die Landnutzung im Raum Beeskow–Storkow wurde historisch maßgeblich durch die Bodengüte bestimmt: Fruchtbare Grundmoränen dienten dem Ackerbau, nährstoffarme Sande blieben Wald, und feuchte Niederungen wurden als Wiesen und Weiden genutzt.
Die entscheidenden Weichen für die Entstehung der heutigen Kulturlandschaft wurden im Mittelalter gelegt, als im Zuge der deutschen Ostexpansion systematisch Siedlungen gegründet und große Flächen durch Rodung urbar gemacht wurden. In dieser Zeit entstand eine agrarisch geprägte Gesellschaftsstruktur, in der Gutsherren das wirtschaftliche und das soziale Leben dominierten. Erst die Bauernbefreiung zu Beginn des 19. Jahrhunderts veränderte diese Strukturen. Dennoch blieben die historisch gewachsenen Gutsherrschaften auch danach noch prägend.

Land- und Forstwirtschaft seit Gründung der DDR
Mit der Gründung der DDR setzte eine tiefgreifende Umgestaltung der Landnutzung ein. Die Kollektivierung und die Intensivierung der Land- und der Forstwirtschaft prägten das Gebiet nachhaltig: Größere Schläge, Monokulturen, der verstärkte Einsatz von Maschinen und eine auf hohe Erträge ausgerichtete Produktionsweise veränderten das Landschaftsbild. Gleichzeitig wurden viele Feuchtgebiete und Niederungen entwässert, um zusätzliche landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen. Diese Eingriffe veränderten Wasserhaushalt, Vegetation und Artenvielfalt.
Tier- und Pflanzenwelt
Die Tier- wie auch die Pflanzenwelt mussten sich der eiszeitlich und nacheiszeitlich entstandenen rauen Sand- und Moränenlandschaft anpassen. Diese Landschaft bildete die Grundlage für die Entstehung unterschiedlicher Lebensräume, von staubtrocken, so etwa auf den Dünen oder im Kiefernwald, über den Eichenmischwald und die Feuchtwiesen bis zu pitschnass wie im Moor und in den zahlreichen Gewässern. Heute sichern zahlreiche Schutzgebiete wertvolle Wälder, Seen, Feuchtwiesen und naturnahe Gewässerläufe.

Willkommen im Naturpark Dahme-Heideseen
Um den Schutz der Natur im Raum Beeskow–Storkow machte sich bereits ab 1953 das Biologische Heimatmuseum auf der Burg Beeskow verdient, das auch nach 1990 bis in die 2000er Jahre als Naturschutzstation Beeskow weitergeführt wurde. Einen zentralen Schwerpunkt bildete die Wahrnehmung von Naturschutzaufgaben auf ehemaligem Militärgelände.
Im südwestlichen Teil des ehemaligen Kreises Beeskow-Storkow engagierten sich Menschen bereits ab Anfang der 1990er Jahre für die Einrichtung eines Naturparks. 1998 konnte schließlich der 594 km² große Naturpark Dahme-Heideseen eröffnet werden.
Der Naturpark zählt zu den ökologisch wertvollsten Regionen Brandenburgs. Das Dahme Heideseengebiet ist eines der waldreichsten Landschaften Mitteleuropas: Mehr als 60 Prozent der Naturparkfläche sind von Wald bedeckt. In den eher kargen Talsand- und Dünengebieten dominieren Flechten-Kiefernwälder, lichte Laubmischwälder und Sandtrockenrasen. Diese bieten einen Lebensraum für wärmeliebende Tiere und Pflanzen wie z. B. die Schlingnatter, den Wolfsmilchschwärmer oder die Grasnelke. Auch der Walker, das Wappentier des Naturparks, ist hier heimisch. In den Verlandungsbereichen der Seen erstrecken sich großflächige Erlenbruchwälder, in denen mit etwas Glück sogar der Eisvogel zu beobachten ist. Ökologisch besonders wertvoll ist die enge Vernetzung der Lebensräume: Diese liegen nicht isoliert, sondern gehen harmonisch ineinander über.
Über den gesamten Naturpark verteilt finden sich nährstoffarme Kessel- und Verlandungsmoore, die typische Arten wie Torfmoose, Wollgräser und Sumpfporst beherbergen. Die weitgehend ungestörte Landschaft bietet Rückzugsräume für gefährdete Tiere wie Moorfrosch, Fisch- und Seeadler sowie den Fischotter.
Auch der Mensch hat wertvolle Refugien geschaffen: Durch kleinräumige und extensive Nutzung entstanden artenreiche Feucht- und Frischwiesen. Dort wachsen unter anderem Orchideen wie etwa das Breitblättrige Knabenkraut sowie seltene Pflanzen wie Gewöhnlicher Teufelsabbiss und Prachtnelke.

Beeskow. Storkow. Geologische und botanische Besonderheiten
Eine geologische und botanische Besonderheit sind die Salzwiesen bei Philadelphia und Groß Schauen. Hier steigt durch Spalten im Untergrund Salzwasser an die Oberfläche. Diesen ungewöhnlichen Verhältnissen haben sich der Strand-Dreizack, die Bodden-Binse und das Strand-Milchkraut hervorragend angepasst.
Eine besondere Stellung nimmt in dem Naturpark die Groß Schauener Seenkette ein. Sie ist nicht nur Naturschutzgebiet, sondern zugleich Teil des Vogelschutzgebiets Spreewald und Lieberoser Endmoräne. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Nationalen Naturerbeflächen Storkow und Streganz, die zusammen 4.635 ha umfassen und für kommende Generationen als wertvolle Rückzugsräume der biologischen Vielfalt gesichert werden. Seit 2024 ergänzt das über 1.000 ha große Wildnisgebiet Tschinka diese Schutzlandschaft. Hier soll sich eine vom Menschen unbeeinflusste Dynamik entfalten, in der natürliche Prozesse dauerhaft ungestört ablaufen und sich eine echte Wildnis entwickeln kann.
Eine Landschaft entsteht im Zusammenspiel von Natur und Geschichte
So bleibt das Land Beeskow–Storkow ein Raum, in dem sich, wie es schon Fontane empfand, die stille Schönheit der Mark mit einem kaum erklärbaren Zauber verbindet. Eine besondere Landschaft, deren Charakter sich aus dem jahrhundertelangen Zusammenspiel zwischen Natur und Geschichte entfaltet hat.
Autor:
Carsten Preuß, 1962 im Süden Brandenburgs geboren, studierte Agrarwissenschaften und Umweltschutz an der Humboldt Universität Berlin. Sein frühes Engagement für Umwelt und Naturschutz reicht bis in die DDR Zeit zurück und prägte seinen beruflichen Weg in der Umweltverwaltung und Landespolitik. Seit 2021 ist er Leiter des Naturparks Dahme Heideseen.
In dieser Ausgabe der MARK Brandenburg fahren wir mit unseren Autorinnen und Autoren in das Land Beeskow-Storkow. In das Land? In das Ländchen – oder auch in den Landkreis. So wie Uwe Rada in seinem Beitrag der Frage nachgeht, woher diese Gegend historisch kommt, wohin sie sich entwickelt hat und was es hier zu entdecken gibt, erfahren wir an anderer Stelle manch Wissenswertes über die namensgebenden Stadtgemeinden Beeskow und Storkow oder reisen mit Kutscher Moll und Theodor Fontane durch diese märkische Landschaft. Wir begegnen den Herren von Biberstein im Mittelalter und Neuankömmlingen im Brandenburg Friedrichs des Großen, machen einen Ausflug in die Einsamkeit von Schloss Kossenblatt und werfen einen Blick in die Geschichte von »Utopie und Alltag«, einer der spannendsten DDR-Kunstsammlungen, und reisen dabei entlang sowie mitten durch den Naturpark Dahme-Heideseen. Bei dieser Entdeckungsfahrt führt uns die Ausgabe durch eine der stillen, schönen und historisch bemerkenswerten Landschaften Brandenburgs.