Exilmuseum in Charlottenburg erinnert an Exil-Biografien von gestern und heute
Die Metropole Berlin, heute Fluchtpunkt für Migranten aus aller Welt, war während der Nazidiktatur ein Schreckensort, dem viele Menschen entfliehen mussten oder wollten. Diesen Schicksalen, etwa von Juden, Homosexuellen oder Oppositionellen, widmet sich seit kurzem das Exilmuseum. Wichtig ist dem Team um Direktorin Ruth Ur, nicht nur ins Gestern zu blicken, sondern auch auf Exil-Biografien von heute – und dazu auf die oft unterschätzte Zerbrechlichkeit von Freiheit und Demokratie in Deutschland. «Die Bedingungen können sich schnell ändern. Und das wollen wir zeigen», sagt sie im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Wichtig ist der aus Großbritannien stammenden Kuratorin und Kunsthistorikerin, gedankliche und emotionale Brücken zu bauen zwischen dem Deutschland von heute und dem vor 80, 90 Jahren. Es herrsche hierzulande eine irgendwie «traurige Müdigkeit» im Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus und Holocaust. «Daher müssen wir dringend neue Wege finden, in das Thema hineinzukommen.» Ein Ansatz aus ihrer Sicht: internationale Verknüpfung. «Wir wollen ein Weltzentrum sein hier in Deutschland – ein kleines zwar, aber mit einem großen Netzwerk. Ein Mini-Goethe-Institut.» Wichtig ist aus ihrer Sicht auch das Zuhause des Museums, eine gut 150 Jahre alte Stadtvilla in der Fasanenstraße in Charlottenburg. «Man kommt in ein Haus, das lange ein Wohnhaus war – und diese Wärme möchten wir zurückbringen. Die Menschen sollen spüren: Das wird kein Geschichtskurs hier», betont die Managerin, die bis 2024 Direktorin und Vertreterin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Deutschland war. Der Besuch solle nicht mit schlechtem Gewissen anfangen, sondern mit Freude. Die Idee zu dem Museum hatte die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die sich ein Haus wünschte, das Geschichten von Verlust und Neubeginn, Ungewissheit und Aufbruch, Verfolgung und Überleben erzählt. Ursprünglich wollte die daraufhin von privaten Gebern gegründete Stiftung einen großen Neubau direkt hinter der als Ruine erhaltenen Fassade des Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg errichten – daraus wird nun aber absehbar nichts, angesichts explodierter Baukosten von geschätzt mehr als 130 Millionen Euro. Jetzt wird pragmatisch und realistisch gehandelt, einige Nummern kleiner in Charlottenburg. «Das Thema Exil ist zu drängend, um länger zu warten», resümiert Ur nüchtern. Im kommenden Jahr wird die Villa, die lange das Käthe-Kollwitz-Museum beherbergte, barrierefrei renoviert, um danach 2028 als Museum auf zusätzlichen Etagen zu eröffnen. Schon jetzt wird mit einer Ausstellung auf rund 150 Quadratmetern quasi die Nachbarschaft erkundet. Im Fokus: Bewohner der Fasanenstraße, die während des Nationalsozialismus Zuflucht im Exil fanden, darunter Heinrich Mann, der SPD-Reichstagsabgeordnete Rudolf Breitscheid oder der russisch-jüdische Schriftsteller Essad Bey. Leihgaben kommen unter anderem aus dem Deutschen Historischen Museum, etwa ein Notenbuch des Komponisten Paul Hindemith, der ebenfalls in der Fasanenstraße lebte. Wenn alles fertig ist, soll es auf einer Etage eine Dauerausstellung geben, dazu jährlich mindestens zwei Wechselausstellungen, wie Strategieleiter Lukas Geck berichtet. Immer gehe es um das Thema Exil zwischen 1933 und 1945, aber stets erweitert um eine zeitgenössische Perspektive. «Man kann nicht das historische Exil behandeln, ohne auch über die Gegenwart zu sprechen.» Beispiel ist eine Audioinstallation in Zusammenarbeit mit einer iranischen Schriftstellerin, die wider Willen im Exil lebt. «Und so stellen wir uns das auch für die zukünftigen Ausstellungen vor», sagt Geck. Eine eigene Sammlung wird das Museum wahrscheinlich nicht aufbauen, schon wegen des beschränkten Platzes. Aber im Werden ist eine eigene Bibliothek mit etwa 5.000 bis 6.000 Büchern rund um das Thema Exil, die der Stiftung in den acht Jahren seit ihrer Gründung gespendet wurden. Zurzeit wird katalogisiert und systematisiert, um sie dann in einer Präsenzbibliothek im Haus bereitzustellen. Vor den Nazis sind Menschen in alle möglichen Länder geflohen, bis nach Island, China, Südafrika oder Argentinien. Diese globalen Verbindungen greift das Museum auf mit dem Programm «Embassies of Exile», einer Zusammenarbeit mit Botschaften im In- und Ausland. Umkreist wird die Idee, dass diplomatische Vertretungen für Flüchtlinge Orte der Rettung wie des Untergangs waren, der Sicherheit wie Gefahr. Im Fokus der Reihe stehen meist wenig beachtete Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Wissenschaft, die im jeweiligen Partnerland Zuflucht vor den Nationalsozialisten fanden. Jede Veranstaltung wird neu konzipiert, etwa als Vortrag, Lesung, Konzert, Filmvorführung oder Gespräch. Wichtig ist den Machern, dass sich das Museum gezielt auch für Kinder öffnet, und das mit großem Erfolg, wie Ur erzählt. Schulklassen nähern sich in ganztägigen Workshops ausgewählten Biografien von Exilanten aus der Nazizeit – und entdecken dabei oft Bezüge zu ihrer Lebenswelt. Die Erfahrungen sind höchst unterschiedlich, berichtet die Direktorin. «Es gibt Schulkinder, die herkommen, elf oder zwölf Jahre alt, die putzen jedes Jahr Stolpersteine. Es gibt andere Kinder, die hören hier das Wort Jude und sind davon persönlich getriggert. Mit dieser Bandbreite arbeiten wir hier, und das gelingt auch.» Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten«Wir wollen ein Weltzentrum sein»
Die Nachbarschaft im Fokus
Auch eine Bibliothek ist im Werden
Gezielte Öffnung für Kinder