Kraniche im Oder-Spree-Moor: Berliner Polizist zählt bis zu 4.000 Vögel
Es ist kurz vor Sonnenuntergang im Oder-Spree-Gebiet. Noch ist es ruhig. Nur ein Eichelhäher schimpft im Wald und ein Hirsch röhrt. Stare ziehen über das Moor. Dann ertönt das erste Trompeten. Aus der Ferne kommen die Kraniche von ihren Futterplätzen zurück. «Zum Schluss fliegen die Gänse ein. So läuft es immer ab hier», sagt Christian Kessler auf seinem Hochsitz. Von hier aus kann er das Moor gut überblicken. Für Kessler sind solche Momente längst mehr als ein Hobby. Der 56-jährige Berliner Polizist verbringt abends und in den frühen Morgenstunden oft Stunden an einem Kranich-Schlafplatz. Er zählt die Vögel, dokumentiert Bruterfolge und meldet seine Beobachtungen für den Kranichschutz. Tagsüber bekämpft der Beamte als Präventionsbeauftragter an Berliner Schulen Messergewalt. Sein Hobby begann weit entfernt von akribischer Vogelbeobachtung. Kessler interessierte sich schon als Kind für alles, «was so durch die Luft fliegt». Später machte er einen Flugschein für Gleitschirme. Hoch über der Landschaft begegneten ihm immer wieder die majestätischen Vögel. «Das war so ein faszinierendes Erlebnis, dass ich mir irgendwann überlegt habe: Ich muss mal genauer hinschauen, wo diese Vögel eigentlich zu Hause sind.» Als er vor einigen Jahren im Winter immer wieder Kranichrufe hörte, machte er sich auf die Suche nach deren Ursprung und entdeckte einen Schlafplatz in seiner Heimatregion. Heute rasten dort im Herbst bis zu 4.000 Kraniche, bevor sie in ihre Winterquartiere Richtung Süden fliegen. «Etwa 800 Kraniche überwintern hier», so Kessler. Was zunächst mit Neugier begann, wurde schnell zu einer Aufgabe. Der Wahl-Brandenburger schloss sich dem Netzwerk der Kranichschützer an und beteiligt sich seitdem an den regelmäßigen Zählungen. Gerade in der Hauptzugzeit zwischen September und Oktober sind Ehrenamtliche wie er teilweise wöchentlich im Einsatz. Immer an festgelegten Tagen, damit synchron gezählt werden kann. So werden Doppelungen vermieden. Brandenburgweit engagieren sich rund 60 besonders aktive Beobachter, wie Koordinator Ralf Donat von Kranichschutz Deutschland berichtet. Sie erfassen Rastbestände, Wintervögel und Bruterfolge. Die Daten fließen unter anderem in Naturschutzplanungen und europäische Berichtspflichten ein. «Das macht man nicht nebenbei», sagt Donat. Die Zählungen finden bei Sonnenaufgang statt. «Mit Sonnenaufgang fliegen die Kraniche aus dem Schlafplatz raus. Mit Sonnenuntergang kommen sie rein.» Kessler kann sich auch nach Jahren für dieses Naturschauspiel begeistern: «Mich fasziniert es tatsächlich jedes Mal aufs Neue», sagt er. Nach einem Arbeitstag in Berlin sei das Moor für ihn ein Gegenpol zur Großstadt. «Ich habe einen recht anstrengenden Job mit vielen Menschen um mich herum jeden Tag. Dann ist es einfach auch ein Bedürfnis, hier rauszugehen und die Natur zu genießen.» Seine Kollegen in der Kranichszene kommen laut Donat aus allen möglichen Berufen: Lehrer, Ranger, Landwirte, Angestellte. Dass Kessler ein guter Beobachter ist, dürfte auch mit seinem Beruf zu tun haben. «Man hat als Polizist gelernt, akribisch zu arbeiten und genau zu beobachten», sagt er. Früher war er als Zivilfahnder unterwegs. «Da lernt man natürlich, sich so zu bewegen, dass man nicht gesehen wird.» Eine Fähigkeit, die bei scheuen Wildtieren durchaus nützlich sein kann. Besonders bewegen ihn einzelne Begegnungen. Einmal beobachtete er im Frühjahr zwei Kraniche, die nach langer Reise aus großer Höhe an ihrem Brutgebiet ankamen. Nach der Landung begannen die Vögel minutenlang zu springen und mit den Flügeln zu schlagen. «Ich bin überzeugt, dass das pures Glücksempfinden war», sagt Kessler. Solche Beobachtungen haben seine Sicht auf die Tiere verändert. Viele wissenschaftliche Beschreibungen reduzierten Kraniche auf Instinkte, meint er. Seine Erfahrungen sprächen für mehr. «Ich bin fest davon überzeugt, dass Kraniche Gefühle haben. Dass es bei Kranichen Freude gibt.» Besonders eindrücklich war für ihn ein anderes Erlebnis. Während der Geflügelpest beobachtete er einen jungen Kranich, der sich infiziert hatte. Die Familie blieb tagelang in seiner Nähe. «Die haben den nicht verlassen, bis er gestorben ist», erzählt Kessler. Über seine Erlebnisse erzählt er regelmäßig in Vorträgen in Berlin und Brandenburg. Außerdem schreibt er gerade an einem Buch. Während Kessler die individuelle Seite der Tiere erlebt, blickt Donat auf die Entwicklung der gesamten Population. Brandenburg trägt dabei europaweit Verantwortung. Zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern gehört das Land zu den wichtigsten Kranichregionen Deutschlands. Im Herbst rasten in Brandenburg demnach bis zu 150.000 Kraniche. Das Linumer Rhinluch nördlich von Berlin ist eines der wichtigsten Rastgebiete Brandenburgs. Hier können Besucher - wie auch in anderen Orten - die grau gefiederten Vögel bei Exkursionen beobachten. Dem Bestand gehe es derzeit insgesamt noch gut, sagt Donat. Doch die Daten der Ehrenamtlichen zeigen auch Probleme. «Wir stellen fest, dass wir in den letzten fünf bis zehn Jahren immer weniger Nachwuchs haben.» Der Klimawandel setze den Vögeln zunehmend zu. Moorgebiete trocknen früher aus, Brutplätze verlieren ihren Schutz vor Fuchs und Wildschwein, und auch Rastplätze werden knapper. Noch sei die Population stabil. Doch die Entwicklung bereitet Naturschützern Sorgen. Gerade deshalb sind Beobachter wie Christian Kessler gefragt. Nachwuchs werde dringend gesucht, sagt Donat. Viele Ehrenamtliche seien inzwischen im Rentenalter. Wer mitmachen möchte, werde direkt vor Ort von erfahrenen Beobachtern eingearbeitet. Die Begeisterung für Kraniche endet für Kessler nicht am Beobachtungspunkt. Sie begleitet ihn manchmal bis in den Berliner Alltag: «Wenn ich mitten in Berlin Kraniche höre, bleibe ich oft stehen, schaue nach oben und bin für ein, zwei Minuten auf einmal weg aus dieser Großstadt.» Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenBegegnungen beim Gleitschirmfliegen
Etwa 60 Ehrenamtliche zählen in Brandenburg Kraniche
Das Moor als Gegenpol zur Großstadt
Hobby verändert Sicht auf die Vögel
Nachwuchs bei Kranichen geht zurück