Drei Tage nach dem mutmaßlich linksextremistisch motivierten Brandanschlag auf die Stromversorgung in Teilen Berlins hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. Aus Sicht der obersten deutschen Strafverfolgungsbehörde besteht der Verdacht der verfassungsfeindlichen Sabotage, der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der Brandstiftung und der Störung öffentlicher Betriebe.
Der Brandanschlag hat in der Hauptstadt zum bislang längsten Stromausfall der Nachkriegsgeschichte geführt. Viele Tausende Menschen müssen weiterhin ohne Strom und Wärme in dunklen und kalten Wohnungen oder in Ausweichquartieren ausharren. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und der Geschäftsführer der landeseigenen Gesellschaft Berlin Stromnetz, Bernhard Büllmann, versicherten ihnen, dass sie bis Donnerstag wieder mit Strom versorgt werden.
Noch rund 25.500 Haushalte ohne Strom
Nach dem Brandanschlag an einer Kabelbrücke am Teltowkanal waren am Samstagmorgen im Südwesten Berlins 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen ohne Strom. Am Dienstag, Tag vier des Blackouts, waren noch rund 25.000 Haushalte und 1.200 Geschäfte sowie Firmen nach Angaben des Betreibers ohne Strom.
Die Polizei ermittelt weiter, wer hinter dem Brandanschlag steckt. Nach Zeugenaufrufen seien Hinweise im «mittleren zweistelligen Bereich» eingegangen, sagte Polizei-Vizepräsident Marco Langner. Acht davon seien erfolgversprechend. Zudem habe die Polizei mehrere Hundert Stunden Videomaterial sichergestellt.
Verdacht auf Terrorismus?
Seit Sonntag steht für Politik und Behörden fest, dass es sich um einen politisch motivierten Anschlag handelt und Linksextremisten dahinterstehen. Ein bei den Behörden eingegangenes Bekennerschreiben sei authentisch, so die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD). In einer Pressekonferenz sprach sie - wie zuvor auch Bürgermeister Kai Wegner (CDU) - von «Linksterrorismus». Die Täter hätten bewusst und wissentlich in Kauf genommen, dass Menschen zu Schaden kämen.
Das lange Bekennerschreiben der sogenannten Vulkangruppe trägt die Überschrift «Den Herrschenden den Saft abdrehen». Darin steht unter anderem: «In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört». Das Gaskraftwerk in Lichterfelde sei «erfolgreich sabotiert» worden. «Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft.»
Namen beziehen sich auf isländische Vulkane
Die «Vulkangruppen» sollen seit 2011 vor allem in Berlin und Brandenburg immer wieder Brandanschläge auf wichtige Punkte der öffentlichen Infrastruktur begangen haben, wie das Bundesamt für Verfassungsschutz schreibt. Der Berliner Verfassungsschutz ordnet sie dem gewaltorientierten, anarchistischen Spektrum der linksextremistischen Szene zu.
In Bekennerschreiben würden wechselnde Namen verwendet, die sich auf isländische Vulkane wie Grimsvötn, Katla oder Ok beziehen. Hintergrund sei vermutlich der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull, der 2010 den Flugverkehr in Europa wochenlang störte. Die genaue Zahl der Anschläge, die auf das Konto der Gruppen gehen, ist nicht bekannt. 2024 hieß es, den Sicherheitsbehörden seien bislang elf strafbare Tatkomplexe bekannt, zu denen sich die Gruppe seit 2011 bekannt hätten. Später kamen weitere hinzu.
Anschlag Thema im Innenausschuss
Mit den Hintergründen des Anschlags auf das Berliner Stromnetz beschäftigen sich auch Abgeordnete des Bundestages - noch vor der ersten Sitzungswoche des Jahres. Wie aus der Grünen-Fraktion verlautete, soll es am Donnerstag für die Obleute der Fraktionen im Innenausschuss sowie einige weitere Ausschussmitglieder eine telefonische Unterrichtung durch das Bundesinnenministerium geben.
Im Internet kursieren unterdessen Spekulationen darüber, ob Russland und einer seiner Geheimdienste die eigentlichen Täter sein könnten. Die Polizei spricht allerdings klar von Linksextremisten.
Hotels und Schwimmbäder öffnen für Betroffene
Für die Betroffenen gibt es praktische Hilfsangebote: So sollen drei Bäder in dem betroffenen Bereich rund um die Uhr öffnen, damit die Menschen kostenlos duschen können. Die Bundeswehr hilft laut Innenverwaltung vor allem bei Transport, Aufbau, Anschluss und Dieselversorgung von Notstromaggregaten. Die Soldaten versorgen die Menschen vor Ort auch mit warmen Essen und Tee. In Notquartieren oder anderen Anlaufstellen wärmen sich Betroffene auf. Die Berliner Verkehrsbetriebe haben dafür Busse bereitgestellt. Etwa 20 Schulen bleiben den zweiten Tag in Folge geschlossen.
Manche Menschen sind in Hotels gegangen. Betroffenen werden die Kosten für Hotelzimmer erstattet, wie Berlins Regierender Bürgermeister Wegner auf X mitteilte. Der Senatsverwaltung für Wirtschaft zufolge gilt das für entsprechende Partnerhotels der Berliner Tourismusagentur Visit Berlin.
Netzbetreiber: Gut im Zeitplan
Der Netzbetreiber arbeitet daran, dass wieder alle Menschen mit Strom versorgt werden. Laut Betreiber sind die Tiefbauarbeiten für die beiden provisorischen Kabelverbindungen abgeschlossen. Nun begännen die elektrischen Arbeiten zur Herstellung der Verbindung. Damit liege man «sehr gut im Zeitplan», sagte ein Sprecher.
Laut Stromnetz handelt es sich inzwischen um den längsten Stromausfall in der Hauptstadt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Blackout vom September 2025 im Berliner Südosten hatte rund 60 Stunden gedauert. Damals waren rund 50.000 Stromkunden betroffen.
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