Missbrauchsvorwürfe gegen Kinderarzt - Prozess beginnt
Ein Kinderarzt, der über Jahre Patienten sexuell missbraucht haben soll, steht ab Montag (9.30 Uhr) vor dem Landgericht Potsdam. Dem Mediziner werden 130 Fälle zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft geht von mehr als 70 Betroffenen im Alter zwischen 2 und 20 Jahren aus. Der Kinderarzt aus dem Havelland in Brandenburg soll das Behandlungsverhältnis ausgenutzt haben. Einen Großteil der Taten soll er während seines Dienstes im Krankenhaus verübt haben (Az. 22 KLs 6/26 jug.). Das Gericht rechnet zum Prozessauftakt mit einem großen Andrang im Verhandlungssaal. Sicherheitskontrollen sind vorgesehen. Der Verteidiger des Angeklagten, Ursus Koerner von Gustorf, teilte mit, es werde zu Beginn des Prozesses eine Erklärung geben. Es ist zudem davon auszugehen, dass mindestens in einem Teil des Prozesses die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird - zum Schutz minderjähriger Betroffener. Es sind 18 Verhandlungstage angesetzt. Mitte Dezember soll der Prozess am Landgericht Potsdam zu Ende gehen. Die Anzeige einer Mutter brachte im vergangenen November die Ermittlungen gegen den Arzt ins Rollen. Er kam in Untersuchungshaft. Nach Durchsuchungen nahm der Fall große Ausmaße an. Die Anklage beschuldigt den Kinderarzt, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in 130 Fällen begangen zu haben. Der Tatzeitraum soll sich auf mehr als zehn Jahre erstrecken. Die Vorwürfe erschütterten das Vertrauen von Patienten und ihren Familien. Der Arzt war bis 2025 an der Havelland-Kliniken GmbH beschäftigt, die westlich von Berlin zwei Krankenhaus-Standorte betreibt. Die Expertin Ulrike Hoffmann von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs sagte: «Die hohe Opferzahl macht deutlich, dass es anscheinend sehr lange gedauert hat, bis der Täter "aufgeflogen" ist, und das ist sehr bedenklich.» Eine Aufarbeitung sei nach solchen Missbrauchsfällen in Institutionen dringend notwendig, damit sie sich nicht wiederholten. Spezifisch für den medizinischen Bereich sei, dass die Patienten dort Hilfe suchten, es aber auch ein Abhängigkeitsverhältnis gebe, das sie weitgehend schutzlos mache, so die Sozialwissenschaftlerin. «Wir wissen außerdem von spezifischen Täterstrategien, zum Beispiel der Ausnutzung der ärztlichen Schweigepflicht oder der Nutzung betäubender Medikamente», sagte Hoffmann. Die Havelland Kliniken GmbH, die dem Arzt nach Bekanntwerden der Vorwürfe kündigte, überarbeitete ihre Kinderschutz-Mechanismen. «So gilt heute bei Untersuchungen und pflegerischen Maßnahmen in sensiblen Situationen grundsätzlich das Vier-Augen-Prinzip», teilte das Unternehmen mit. Eine unabhängige Kinderschutzbeauftragte sei benannt worden. In der Vergangenheit wurden mehrere erschütternde Fälle von Missbrauch durch Ärzte bekannt. In Frankreich wurde 2025 ein Chirurg wegen des sexuellen Missbrauchs von 299 meist minderjährigen Patienten zu 20 Jahren Haft verurteilt. Der pensionierte Klinikarzt gestand die Taten. In Bayern etwa soll ein Arzt über Jahre betäubte Patienten vergewaltigt haben. Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehaltenErmittlungen nach Anzeige einer Mutter
Expertin: Spät «aufgeflogen»
Kinderschutz im Krankenhaus überarbeitet
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