Neun von zehn Autos in Berlin und Brandenburg fahren mit Sprit aus Schwedt - wegen des Ukraine-Kriegs fließt kein russisches Öl mehr dorthin. Nun verschärft sich der Krisenmodus.
Zuletzt liefen die Anlagen zur Treibstoff-Produktion mit alternativen Ölquellen stabil. Derzeit aber herrscht Alarmstimmung. Ab 1. Mai will Russland die Durchleitung von Öl aus Kasachstan durch seine Pipeline Druschba einstellen. Die Sorge ist groß, dass die Treibstoff-Produktion einbricht.
Wie wichtig ist die Ölraffinerie PCK für Deutschland?
An vielen Zapfsäulen sprudelt Benzin und Diesel aus den Anlagen in Schwedt. Das wichtige Industrieunternehmen PCK mit rund 1.200 Beschäftigten in Schwedt beliefert weite Teile Nordostdeutschlands und den Großraum Berlin mit Treibstoffen. Die Raffinerie stellt zudem Kerosin für Flugzeuge und Bitumen als Bindemittel für Asphalt her.
Seit Deutschland als Folge des Ukraine-Kriegs auf russisches Öl verzichtete, musste die Raffinerie nach 60 Jahren auf andere Bezugsquellen für Öl umstellen. Der Mehrheitseigner, die deutsche Tochter des russischen Staatskonzerns Rosneft, wurde unter Treuhand und damit die Kontrolle des Bundes gestellt. Der Nachschub alternativen Öls floss über andere Versorgungswege. Zuletzt hieß es, die Auslastung der Raffinerie liege bei guten 85 bis 90 Prozent.
Was löst die Unsicherheit aus?
Moskau erklärte, dass es ab Mai den Transport kasachischen Öls durch die Druschba-Pipeline einstellt. Wie lang das dauern könnte, ist überhaupt nicht klar. Rosneft Deutschland informierte die Bundesnetzagentur als Treuhänderin darüber, dass auf Anweisung des russischen Energieministeriums keine Durchleitung mehr über das Territorium Russland bis zur Raffinerie erfolgt. Aus Russland hieß es, das hänge mit «derzeitigen technischen Möglichkeiten» zusammen. Die genaueren Hintergründe blieben aber unklar. Aus dem Unternehmen in Schwedt war zu hören, die PCK sei wieder einmal ein «politischer Spielball» angesichts des Ukraine-Kriegs und der Sanktionen gegen Russland.
Warum ist das Öl aus Kasachstan so wichtig?
Das Öl aus dem zentralasiatischen Land ist unerlässlich für die Absicherung und Wirtschaftlichkeit der Raffinerie. Der Anteil macht nach Angaben der Landesregierung rund 20 Prozent der gesamten Rohöl-Menge aus. Ein Wegbrechen wäre eine Katastrophe, sagte der Betriebsratsvorsitzende Danny Ruthenburg. Die PCK-Geschäftsführung wollte sich bislang nicht äußern.
Der Mehrheitseigner der Raffinerie, Rosneft Deutschland, verhandelte in der Vergangenheit immer wieder mit Kasachstan und meldete zuletzt für 2026 eine Erhöhung der Liefermengen. Laut Unternehmen fließen um die 130.000 Tonnen je Monat.
Denn kasachisches Öl hat einen großen Vorteil für die Anlagen in Schwedt: Es ist in der Beschaffenheit dem russischen ähnlich. Das erleichtert die Verarbeitung. Mit kasachischem Öl wird etwa Bitumen für die Bauindustrie hergestellt. Zentrale Versorgungswege für PCK sind aber auch die Häfen Rostock und Danzig in Polen.
Gibt es Folgen für Spritpreise und Kerosin am Hauptstadtflughafen?
Angesichts ohnehin höherer Spritpreise seit Beginn des Iran-Krieges kommt der Stopp des Öl-Transits aus Kasachstan zur Unzeit. Preiserhöhungen an den Tankstellen sind denkbar. Die Bundesnetzagentur sagte bereits, dass «regionale Preiseffekte» nicht ausgeschlossen werden könnten.
Ob ein Ausfall am Tanklager des Hauptstadtflughafens BER zu spüren ist, blieb unklar. Brandenburgs Verkehrsminister Robert Crumbach (SPD) sagte dem «Tagesspiegel»: «Selbst wenn zeitweise kein Öl aus Kasachstan nach Schwedt geliefert werden kann, gefährdet dies absehbar nicht die Kerosinversorgung am BER.»
Warum ist die Druschba ein zentraler Transportweg?
Die Pipeline Druschba (deutsch: Freundschaft) führt mit vielen Verzweigungen über Tausende Kilometer von Russland nach Deutschland und andere europäische Länder. Trotz des Öl-Embargos gegen Russland wird ein Stück der Pipeline für Lieferungen zur Raffinerie in Schwedt genutzt. Darüber kommt Tankeröl aus dem Hafen Danzig und vor allem das Öl aus Kasachstan. Es wird dort über einen Nordstrang der Druschba weiter gepumpt zu den Anlagen nach Schwedt.
Wie geht es jetzt weiter?
Der Ausfall des Öls aus Kasachstan soll so weit möglich ersetzt werden etwa über andere Lieferwege wie den Hafen Danzig. Die Bundesregierung will mit Polen über höhere Lieferungen aus Danzig reden, hieß es im Wirtschaftsausschuss des Bundestages. Zudem gibt es die Pipeline Rostock-Schwedt. Allerdings gilt sie eigentlich als ausgelastet. Ihr geplanter Ausbau liegt seit längerem auf Eis.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte am Mittwoch, sie gehe davon aus, dass die Produktion in Schwedt aufrechterhalten werden könne. Rosneft Deutschland - PCK-Mehrheitseigner - arbeitet mit Hochdruck an Ersatzlieferungen, wie ein Sprecher sagte. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sprach von einem «Rückschlag», verwies zugleich aber auch darauf, dass schon viele Probleme bei PCK gelöst worden seien. «Wir werden auch dieses Problem in den Griff kriegen.»
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