Unterwegs auf märkischen Gewässern: Wassersport und Wasserwandern in Brandenburg
Dieser Text stammt aus der neuen Septemberausgabe der MARK Brandenburg: Straßen im Fluss. Lassen sie sich von unseren Autorinnen und Autoren auf eine Reise entlang der brandenburgischen Straßen im Fluss einladen und entdecken sie einen neuen Blick auf die Landesgeschichte: Eine Straße aus Asphalt liegt still. Eine Wasserstraße bewegt sich selbst, trägt, drängt, friert zu, fällt trocken, tritt über die Ufer. Sie widerspricht. Und während der Reisende meint, er fahre durch das Land, fährt ihm das Land auf dem Wasser entgegen.
Wassersport „gentlemanlike“
Sucht man nach den Ursprüngen wässriger Freizeiterfüllung, dann richtet sich der Blick – genau wie beim Ursprung des Wortes „Sport“ selbst – nach Großbritannien: Die Gentlemen, Fürsten und Dandys des Inselreichs segelten ihre Yachten in Regatten, so etwa seit 1826 während der „Cowes Week“, als die Havelgewässer noch ganz den Lastprahmen und Fischerbooten gehörten.
Die vielleicht früheste seglerische Gemeinschaft Deutschlands wurde 1835 in Stralau als „Tavernen-Gesellschaft“ gegründet. Aus ihr ging 1867 der „Berliner Yacht-Club“ hervor. Jetzt wurden auch auf den Berliner Gewässern nach englischem Vorbild Regatten abgehalten. Das erste Magazin für den deutschen Wassersport war die 1883 gegründete Zeitschrift Der Wassersport – Fachzeitschrift für Rudern, Segeln und verwandte Sportzweige, die u. a. als Presseorgan des Deutschen Ruderverbands fungierte, eines der ältesten Sportverbände Deutschlands.
Segeln, Rudern und Paddeln unter einem Dach
Bemerkenswerterweise wurden im Wassersport verschiedene Disziplinen wie Segeln, Rudern oder Kanufahren noch unter einem gemeinsamen Dach behandelt. Ermöglicht wurde dies durch engagierte Multitalente wie den Chefredakteur Georg Belitz. Seit ersten Segelversuchen in der Berliner Kindheit mit einem vor ein Kanu gespanntes Bettlaken hatte er sich zu einem passionierten Segler und Ruderer entwickelt, der zwischen Grünau und Hamburg bei keiner Wettfahrt fehlte.
Aber auch spezialisierte Fachzeitschriften wie die Yacht (seit 1904), Das Motorboot (seit 1906) oder Kanu-Sport (seit 1920) ließen nicht lange auf sich warten. Ein Breitensport war der Wassersport zu dieser Zeit nicht. Aber ganz so elitär wie beim „Kaiserlichen Yacht-Club“, der 1891 von dem segelbegeisterten Wilhelm II. mit diesem Titel beehrt worden war, ging es doch nicht überall zu.
Rustikale Anfänge
Berichte aus den Anfängen der Tavernen-Gesellschaft lesen sich noch sehr rustikal. Die Boote wurden nach einfachen Rissen (Konstruktionszeichnungen) von lokalen Bootsbauern angefertigt, die Feinheiten entstanden in Handarbeit. Aber auch wenn diese etwas behäbigen und meist gnadenlos übertakelten Kähne niemals so gut über Stag – d. h. durch den Wind – gehen sollten wie später die berühmte „Meteor I“ des Kaisers, geschmälert haben dürfte dies die Segelfreude der Pioniere auf märkischen und Berliner Gewässern wohl kaum.
Das Segeln in Brandenburg war zu dieser Zeit tatsächlich Pionierarbeit. Ein in der Yacht abgedruckter Bericht des in Soldin geborenen Apothekers, Seglers und Malers Ernst Mylius aus dem Jahr 1912 beschreibt eine solche Erkundungstour durch märkische Gewässer und ist ein beredtes Zeugnis für die Abenteuer, die hier bestanden werden wollten.
Abenteuer Havelfahrt
Allein auf seiner Jolle „Martell“ bricht Mylius in Potsdam auf in die weite Welt, zuerst einmal über die Havel nach Phöben. Wilde, naturbelassene und teils furchtbar verkrautete Seen, konträre Winde, Gewitter und rudimentäre Fahrwassermarkierungen fordern ihn heraus – selbstverständlich ohne Motor oder GPS.
Hilfsbereite Fischer erteilen Auskunft über anzusteuernde Gasthäuser, wenn es dem Skipper auf der Jolle zu zugig wird, und ziehen ihn auch mal aus dem Schlick heraus, wenn es mit der Navigation nicht so recht geklappt hat. Die bei Seglerinnen und Seglern bekannte Definition: „Navigation ist, wenn man trotzdem ankommt“, hat sich auch auf märkischen Gewässern als richtig erwiesen.

Wassersport in den 1920er-Jahren
Der Erste Weltkrieg bedeutete für den Wassersport einen Einschnitt und brachte ihn fast zum Erliegen. Umso mehr blühte dann das bunte Treiben auf dem Wasser in den 1920er-Jahren wieder auf. Immer größer wurde die Nachfrage nach Booten, Wassersportmagazinen oder Vereinsmitgliedschaften.
Innovationen wie das Faltboot – von Zeitgenossen liebevoll als „Lumpenkreuzer“ verspottet – machten die Gewässer rund um Berlin endlich auch einem Publikum mit schmalerem Geldbeutel zugänglich. Der „Freie Segler-Verband“ verstand sich als Arbeitersportverein und propagierte den Segelsport fernab von glänzenden Mahagonirümpfen und Yacht-Outfits.
Bootsmagazine druckten Risse für elegante, schnelle und fahrtentaugliche Boote mit wenig Tiefgang wie etwa die 15er- und die 20er-Jollenkreuzer – die Zahlen bemessen sich an der Segelfläche am Wind –, die seither nicht mehr aus Brandenburger Gewässern wegzudenken sind und bis heute mit ihren klassischen Linien zahlreiche Stege der Region zieren.
Ein Instrument der NS-Propaganda
Die bereits kurz nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 einsetzende „Gleichschaltung“ machte auch vor den Wassersportvereinen nicht halt. Jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen, und Arbeitersportverbände wie der Freie Segler-Verband wurden gezwungen, sich aufzulösen.
Der Segelsport spielte in der NS-Propaganda eine wichtige Rolle. Er diente der „Wehrertüchtigung“ und wurde völkisch umgedeutet. Da war die Rede vom „Führerprinzip“ an der Pinne, der Crew als Abbild der „Volksgemeinschaft“ und einer vermeintlichen „Wikingertradition“, die Brandenburger Seglerinnen und Segler einigermaßen überrascht haben dürfte.
Große Pläne der nationalsozialistischen Machthaber, die Gewässer um Berlin bis zur Müritz durch Verbindungswege, schnellere Staustufen und eine großangelegte Erholungsinfrastruktur auszubauen, wurden nie verwirklicht. Auch Pläne für ein sogenanntes Volksboot blieben nur auf dem Papier.

Wassersport im Arbeiter- und Bauernstaat
Wie schon im Ersten Weltkrieg herrschte ab 1939 zunehmend kriegsbedingte Materialknappheit – ein Zustand, der auch die ersten Nachkriegsjahre bestimmte. Die Yacht erschien erst seit 1949 wieder regelmäßig. Ab 1953 gab es mit der Zeitschrift für Wassersport der Deutschen Demokratischen Republik das erste Wassersportmagazin der DDR. Im selben Jahr folgte Der Kanu-Sport, ein Jahr später das Magazin Rudersport.
Wieder wurde der Wassersport in Vereinen und Verbänden organisiert. Dachverband für die Seglerinnen und Segler der DDR war der „Bund deutscher Segler“, der ab 1952 unter der Regie der SED-Institution „Staatliches Komitee für Körperkultur und Sport“ stand.
Auffallend an den Publikationen aus dieser Zeit ist, dass Berichten über Wettkämpfe und Regatten viel Platz eingeräumt wurde. Die Erfolge von DDR-Wassersportlern wie dem Segler Jürgen Vogler, der auch international Preise gewann, passten wohl besser in die Selbstdarstellung der DDR als der private Bootseigner und Fahrtensegler, der sich auf dem Boot mit Familie und Freunden in die Natur zurückzog.
Der Mangel hilft sich selbst
Dessen ungeachtet trieb es Brandenburgerinnen und Brandenburger jedweder Couleur begeistert aufs Wasser, ob im Faltboot, im Jollenkreuzer, im Kanu oder im Ruderboot. Wer den dafür nötigen fahrbaren Untersatz suchte, musste kreativ werden. Sogar renommierte Konstruktionsbüros hatten mit dem Mangel an geeigneten Materialien zu kämpfen.
Das von Theodor Ernst entworfene und seit 1949 hergestellte Kanu „Juwel“ hatte beispielsweise eine Außenhaut aus „Igelit“, einem Weich-PVC, das aus Restbeständen einer Schuhfabrik bezogen wurde. Ein solches „Juwel“ kann heute im Sportmuseum Berlin besichtigt werden.
Manfred Ernst, der später den Betrieb seines Vaters fortführte, verwendete alte Butterfässer für die Herstellung von Decksplanken und tauschte Berliner Pilsner gegen dringend benötigte Schrauben. Mit seinem legendären „Ernst-Riss“ schuf er Segel-, Motor-, Ruder- und Paddelboote, die den ostdeutschen Wassersport prägten und sogar im Export oder als Staatsgeschenke Verwendung fanden.
Es wurde viel selbst gebaut. Auch das Konstruktionsbüro Ernst verkaufte Entwürfe, die dann von den Käuferinnen und Käufern in liebevoller – und oft mühsamer – Handarbeit in das gewünschte Gefährt verwandelt werden konnten.
Die Vereinsstruktur orientierte sich am Prinzip des Betriebssports, und auch in Brandenburg entstanden zahlreiche „Betriebssportgemeinschaften“ (BSG). Die ehemals eng mit lokalen Betrieben verbundenen Einrichtungen werden heute in vielen Fällen als reguläre Wassersportvereine weitergeführt.
In der DDR entwickelte sich der Wassersport zu einem Breitensport, begünstigt teils durch öffentliche Förderung und betriebliche Organisation, teils trotz der staatlichen Einschränkungen und des allgegenwärtigen Mangels. Auch nach den Umbrüchen der Wendejahre und dem Ende der DDR zog es die Menschen in Brandenburg auf die Flüsse und Seen ihres wasserreichen Landes.
Für eine diverse Freizeit auf dem Wasser
Heute tummeln sich an einem sonnigen Wochenende Kanus, Kajaks, Segelboote, Stand-up-Paddle-Boards, Windsurfer, Motorboote, Jetskis und Ruderboote gemeinsam auf märkischen Gewässern. So divers wie die Fortbewegungsmittel sind mittlerweile auch die Sportlerinnen und Sportler selbst.
Vergangen sind die Zeiten, in denen der Wassersport nur einer kleinen Elite gut betuchter Männer offenstand. Brandenburger Vereine arbeiten heute unter dem Dach des „Verbands Brandenburgischer Segler e.V.“ an der nachhaltigen Entwicklung des Segel- und des Wassersports in Brandenburg und engagieren sich in der Jugendausbildung.
Wassersport ist auch schon lange keine reine „Männerdomäne“ mehr, obwohl die strukturelle Benachteiligung von Frauen nach wie vor ein kritisches Thema ist. 2001 fand die erste queere Ruderregatta auf Grünaus berühmter „Grüner Meile“ statt, organisiert von der Gruppe „Queerschlag“, die bis heute für einen diversen und inklusiven Rudersport eintritt. Entwicklungen wie diese machen Mut und lassen hoffen, dass es in Zukunft einmal wirklich allen Menschen gleichermaßen möglich sein wird, ihre ganz persönliche Leidenschaft für den Wassersport auszuleben.
Der Autor:
Leon Ebert studiert Geschichte und Philosophie. Verwurzelt in Berlin und mit Freude an Sprache und Text zieht es ihn immer wieder hinaus nach Brandenburg – am liebsten unter Segeln.
Dieser Text stammt aus der der aktuellen Septemberausgabe der MARK Brandenburg: Straßen im Fluss.