Der erste Kontakt erfolgt meist über die Hotline, die Frauen und Kindern in Berlin rund um die Uhr Hilfe bei häuslicher Gewalt anbietet. «Dann gilt es Fragen zu klären wie: Welche Sprache spricht die Frau? Wo wohnt der Gefährder? Wie viele Kinder sind betroffen?», schildert die pädagogische Leiterin des neuen Frauen- und Kinderschutzhauses in Berlin. «Lässt sich die Frau auf das Sicherheitskonzept der Einrichtung ein, wird sie an einem geheimen Ort von uns abgeholt», schildert die Sozialarbeiterin weiter.
Um die Frauen und ihre Kinder vor weiterer Gewalt zu schützen, werden Betroffene möglichst weit entfernt vom bisherigen Umfeld untergebracht. Der neue Aufenthaltsort soll dabei geheim bleiben. Zum Sicherheitskonzept gehört daher, dass keine sozialen Medien genutzt werden dürfen. Der Kontakt mit Behörden wird teils zur Herausforderung, wenn es etwa um den Schulwechsel oder die polizeiliche Anmeldung geht, wie die pädagogische Leiterin berichtet. Auch ihr Name wird zum Schutz der Einrichtung nicht genannt.
Bereits 18 Frauen in neuer Einrichtung
Der Bedarf an Frauenhäusern sei groß, betont sie. Seit dem 12. Januar ist das neunte Frauen- und Kinderschutzhaus in Berlin geöffnet. Für rund 2,5 Millionen Euro ist im Süden der Hauptstadt der Zufluchtsort mit 26 Familienplätzen in 10 Wohnungen entstanden. Knapp sechs Wochen später sind 18 Frauen und 13 Kinder dort untergebracht, wie die Senatssozialverwaltung mitteilte. Der Träger der Einrichtung ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin.
Sie finden ein Haus mit freundlicher Atmosphäre vor: weiße Wände, Vorhänge und Sofas in Grau, grüne Sitzkissen am Boden, echte Grünpflanzen. Für kleine Kinder gibt es Spielzimmer, für Teenies Computer und ein Kicker-Spiel.
Fokus auf Kinder
Mit dem neuen Haus schaffe Berlin einen weiteren Ort, an dem Frauen und Kinder sicher leben könnten, erklärt Sozial- und Gleichstellungssenatorin Cansel Kiziltepe anlässlich der offiziellen Eröffnung des Hauses. Die neue Einrichtung lege den Fokus auf Frauen mit ihren Kindern. «Denn Kinder machen in der Regel mehr als die Hälfte der Bewohnenden in den Häusern aus», so die SPD-Politikerin. Das neue Gewalthilfegesetz sichere ihnen ein eigenständiges Recht auf Schutz und Beratung zu.
Sozialarbeiterinnen bieten den Bewohnerinnen psychosoziale Beratung an, zudem gibt es nach den Angaben eine Psychologin. Zwei Erzieherinnen bieten pädagogische Unterstützung für Kinder.
Das Besondere an dieser Einrichtung ist, dass die Söhne betroffener Frauen bis zur Volljährigkeit bei der Mutter bleiben können. «Wenn Frauen Söhne haben, die nicht mit aufgenommen werden, gehen sie oft nicht ins Frauenhaus», berichtet die pädagogische Leiterin. Darunter litten auch die Jungs. «Sie sind unendlich dankbar, dass Mama einen Platz hat», so die Leiterin. Darum gebe es in der Regel kein Problem, was das Verbot sozialer Medien angehe.
Vorgaben für Zahl der Familienplätze
Mit der Eröffnung der neuen Einrichtung gibt es in Berlin nach den Angaben nun 393 Familienplätze mit 859 Betten für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, und ihre Kinder.
«Mit dem neunten Frauenhaus rückt Berlin der vollständigen Umsetzung der Istanbul-Konvention einen Schritt näher», erklärte Senatorin Kiziltepe. Nach den Vorgaben muss Berlin 390 Familienplätze vorhalten, die betroffenen Frauen kostenlos zur Verfügung stehen. In der Hauptstadt gibt es nach den Angaben derzeit 239 solcher Familienplätze. Voraussichtlich rund 40 weitere Plätze sollen noch in diesem Jahr entstehen, wie es von der Senatssozialverwaltung heißt.
Zudem können Frauen und ihre Kinder in sogenannten Zufluchtswohnungen unterkommen. Dort gibt es laut Senatsverwaltung weitere 154 Familienplätze. Allerdings müssen Betroffene dort die Miete selbst finanzieren oder eine Kostenübernahme vorlegen.
«Mehr Plätze sind angesichts der erschreckend hohen und weiter zunehmenden Zahl von häuslicher Gewalt dringend nötig», betont Martin Hoyer, Geschäftsführer Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin. Dies gelinge, durch Kooperation: Das Land Berlin schaffe Rahmenbedingungen und Strukturen, von den Trägern kämen Konzepte und Fachwissen. «So sorgen wir gemeinsam für den Schutz von Frauen und Kindern.»
Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt
In diesem Jahr stehen laut Sozialverwaltung für den Bereich Gewaltschutz inklusive Bundesmittel rund 37,5 Millionen Euro im Haushalt zur Verfügung, im nächsten Jahr sind es 43,1 Millionen Euro. Zusätzlich habe das Berliner Abgeordnetenhaus für die Schaffung und den Betrieb neuer Plätze rund 19,3 Millionen Euro für die Jahre 2026 und 2027 zur Verfügung gestellt.
Ziel der Istanbul-Konvention aus dem Jahr 2011 ist die Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich, dafür politische und rechtliche Maßnahmen zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt zu ergreifen. Der Vertrag trat im August 2014 in Kraft und gilt in Deutschland seit Februar 2018.
Mehr Opfer häuslicher Gewalt erfasst
Nach Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) sind im Jahr 2024 bundesweit mehr als 187.000 weibliche Opfer von häuslicher Gewalt registriert worden. Experten gehen von einer Dunkelziffer aus, weil nicht alle Fälle gemeldet werden. Insgesamt waren nach den Zahlen 265.942 Menschen von häuslicher Gewalt betroffen - so viele wie noch nie. Der Anstieg im Vergleich zum Vorjahr betrug nach Angaben des BKA 3,7 Prozent. Rein statistisch betrachtet wurde damit etwa alle zwei Minuten ein Mensch Opfer. 2023 waren den Angaben zufolge 70,5 Prozent der Opfer weiblich.
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