Wo einst Flugzeuge im Minutentakt starteten und landeten, erfindet sich Berlin neu: Auf dem Gelände des früheren Flughafens Tegel entsteht ein neues Quartier der Zukunft. Im November 2020 wurde der Airport für den Passagierbetrieb geschlossen, vor fünf Jahren Anfang August 2021 übernahm die landeseigene Berlin TXL Management GmbH einen Großteil der Flächen und Immobilien, die sie entwickeln, vermarkten und betreiben soll. Was ist seither passiert, was steht kurz- und mittelfristig an? Fragen und Antworten:
Worum geht es?
Zehntausende Menschen sollen auf dem 500 Hektar großen Areal einmal wohnen, arbeiten, lernen, forschen und sich erholen - und zwar nachhaltig, ressourcensparend und mittels erneuerbarer Energien CO2-neutral. Im Kern geht es um zwei Teile: In der Urban Tech Republic rund um das markante Terminalgebäude entsteht ein Forschungs- und Industriepark mit Unternehmen und Hochschule. Weiter östlich ist ein Wohnquartier geplant. Hinzu kommen ausgedehnte Grünflächen für Freizeit und Erholung sowie ein Landschaftspark.
Wie viele Unternehmen sind schon da?
«Am Standort arbeiten mittlerweile 42 Firmen und Institutionen mit etwa 450 Beschäftigten», berichtet der Geschäftsführer der Berlin TXL Management GmbH, Frank Wolters. Sie kommen aus den Bereichen Mobilität, Energie, Werkstoffe, Sensorik und digitale Infrastruktur. Aktuell nutzen sie Bestandsgebäude wie frühere Frachthallen und Hangars. Ein Beispiel ist das Start-up Earthbound, das in einem Hangar recycelbare Lehmziegel und Mörtel aus Baustellenaushub produziert. «Wir haben für unser Pilotprojekt passende Räume gesucht und in Tegel gefunden», sagt Gründer Micha Kretschmann.
Was ist die Besonderheit am Standort?
Die Urban Tech Republic bietet nicht nur klassische Büro-, Werkstatt- und Community-Flächen für Unternehmen, sondern auf dem großen Areal mit den alten Start- und Landebahnen auch 60 Hektar «Experimentierraum» am Boden und in der Luft. Unternehmen testen hier zum Beispiel autonom gesteuerte Autos oder Drohnentechnologie: «In einer technisch und rechtlich sicheren Umgebung», betont Wolters, der von einem Reallabor spricht.
Ein Beispiel ist das Start-up Projekt Q, das sich mit komplexen Lösungen zur Überwachung von Gebäuden oder Gebieten beschäftigt - für zivile oder militärische Nutzung. In Tegel testet es dafür Radar, Drohnen, Audiosensoren, Kameras und andere Detektionssysteme. «Für uns ist Tegel entscheidend, weil es solche Flächen sonst in ganz Norddeutschland nicht gibt», sagt Geschäftsführer Felix Albrecht. Der Standort sei für seine Firma ideal, weil er Raum für Produktion, für Büros und für ausgiebige Tests der Systeme biete.
Wie geht es weiter?
«In der Urban Tech Republic werden einmal bis zu 1.000 große und kleinere Unternehmen mit 20.000 Beschäftigten forschen, entwickeln und produzieren», blickt Wolters in die Zukunft. Und dafür stehen jetzt weitere Schritte an: Bisher siedelten sich Unternehmen in Bestandsgebäuden an. Kürzlich hat aber die Vermarktung neuer Grundstücke begonnen, die zuvor mit großem Aufwand erschlossen, parzelliert und mit der nötigen Infrastruktur für Energie- oder Wasserversorgung und -aufbereitung ausgestattet wurden.
«Der Abschluss eines Vertrages mit einem ersten Investor für ein 7.000-Quadratmeter-Grundstück steht unmittelbar bevor», sagt Wolters. Im Herbst werde ein zweites Grundstück angeboten. «Danach gewinnt die Vermarktung deutlich an Dynamik», fügt er hinzu. 2027 kämen rund 95.000 Quadratmeter Gewerbeflächen auf den Markt, 2028 weitere rund 124.000 Quadratmeter Gewerbe- und andere Flächen. Die Grundstücke werden im Erbbaurecht vergeben, das Land Berlin bleibt also Eigentümer.
Was ist mit dem markanten Terminalgebäude geplant?
Die früheren Terminals in der prägnanten Sechseck-Form, die Tegel zum Airport der kurzen Wege machten, stehen weitgehend unter Denkmalschutz und bleiben erhalten. Ein wichtiger Nachnutzer wird die Berliner Hochschule für Technik sein, die in den Terminal A einzieht. Der wurde mittlerweile für den Umbau vorbereitet. «Die Vorarbeiten sind abgeschlossen, in Kürze findet der Spatenstich für die Baumaßnahme statt», schildert Wolters. Klappt alles, sollen Anfang der 2030er Jahre 2.500 Studenten einziehen.
Im Terminal B ist ein Gründungs-, Innovations- und Kongresszentrum geplant, hier laufen Vorarbeiten für den Umbaubeginn 2028. Terminal D soll Technologiezentrum für Mobilität, KI und Robotik werden, nächstes Jahr startet die Bauplanung.
Wie geht der Wohnungsbau voran?
Am östlichen Ende des Ex-Flughafens im sogenannten Schumacher Quartier entstehen auf 46 Hektar mehr als 5.000 Wohnungen für über 10.000 Menschen. Nach jahrelangen Vorbereitungen geht es in Kürze richtig los: Im August startet die landeseigene Gesellschaft Degewo mit dem Bau von 337 Wohnungen - zunächst mit «bauvorbereitende Maßnahmen». Sie sollen Ende 2028 bezugsfertig und mit Mieten ab sieben Euro je Quadratmeter bezahlbar sein.
Laut Degewo werden die Gebäude in ressourcenschonender Holzhybridbauweise errichtet. Das gesamte Viertel entsteht nach Prinzipen der Nachhaltigkeit mit erneuerbaren Energien, Regenwassermanagement nach dem Schwammstadt-Prinzip und weitgehendem Verzicht auf Autoverkehr. Weitere Baufelder erschließt die ebenfalls kommunale Gesobau, auch Genossenschaften sollen hier perspektivisch in größerem Stil bauen können.
Wie steht es um die Verkehrsanbindung in TXL?
Tram, U-Bahn oder gar Magnetschwebebahn? Zur Verkehrsanbindung des Zukunftsquartiers TXL gab es diverse Ideen. Anfang 2024 traf der Berliner Senat eine Grundsatzentscheidung, eine Straßenbahn auf den Weg zu bringen. Zum aktuellen Planungsstand halten sich die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bedeckt. Laut Senatsverkehrsverwaltung startet demnächst die Vorplanung. Als mögliches Fertigstellungsjahr für die neue Tramlinie mit Anbindung an die U6 ist 2034 im Gespräch.
«Das kommt für uns natürlich ein wenig spät», räumt Wolters ein. «Aber wenn die Planung auf dem Weg ist und das dann 2034 kommt, dann ist es 2034.» Er sei in Gesprächen mit der BVG über Interimslösungen, sagt der TXL-Manager. Ihm schwebt vor, das Start-up-Innovationszentrum im Terminal B ab 2031 mit autonom gesteuerten Fahrzeugen an U- und S-Bahn anzubinden. Schließlich sitzen Tüftler, die an solchen Lösungen arbeiten, direkt auf dem Gelände.
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