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Keimzeit-Sänger: Denke nicht im Geringsten ans Aufhören

Norbert Leisegang, Frontmann der Band Keimzeit, singt am Dienstagabend im Club Horns Erben.  / Foto: Jan Woitas/dpa
Norbert Leisegang, Frontmann der Band Keimzeit, singt am Dienstagabend im Club Horns Erben. / Foto: Jan Woitas/dpa

Der Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang steht seit Jahrzehnten auf der Bühne. Jetzt bringt die Band ihr 14. Album heraus - und wenn es nach Leisegang geht, wird es nicht das letzte sein.

Die Band Keimzeit ist seit Jahrzehnten eine feste Größe im Musikgeschäft und veröffentlicht jetzt mit «Ach, die Menschen» ihr 14. Album. Im Interview erzählt Sänger Norbert Leisegang (65), warum er keinen Gedanken ans Aufhören verschwendet und ob er nach mehr als 30 Jahren den erfolgreichsten Song der Band überhaupt noch spielen mag. 

Frage: Keimzeit hat das 14. Album veröffentlicht. Wie würden Sie es beschreiben?

Antwort: Musik zu beschreiben ist natürlich immer ein bisschen hinderlich. Aber wenn ich den Versuch starten sollte, einiges darüber zu sagen, dann würde ich sagen: Auch das 14. Album ist grundsätzlich unsere Handschrift, die Handschrift von Keimzeit. Wir beleuchten Themen textlich, die so nicht in der ersten Reihe stehen, wenig politisch und wenig gesellschaftskritisch sind, sondern einfach die Dinge, die unter ganz normalen Menschen täglich stattfinden.

Frage: Sich politisch oder gesellschaftskritisch zu äußern, sehen Sie nicht als Aufgabe von Künstlern?

Antwort: Ich kann nur für mich sprechen. Wenn man im gesellschaftlichen oder im philosophischen oder auch im politischen Leben kein Grundwissen hat, dann gibt man sehr oft Unsinn von sich. Und das möchte ich natürlich vermeiden. Das sollten Künstler grundsätzlich vermeiden. Außerdem finde ich Dinge, die um mich herum passieren, und die zum großen Teil unpolitisch sind, hochinteressant – und auch interessanter als alles, was ich mir aneignen könnte.

Songschreiben als Therapie und Lebenserhalt

Frage: Sie werden dieses Jahr 66 Jahre alt – wird es langsam Zeit für die Rockerrente oder kommt das nicht infrage?

Antwort: Darüber hätte man schon ab 27 nachdenken müssen. Wenn man jung ist, und so war das auch bei Keimzeit, hat man einen ganz anderen Ausdruck und einen ganz anderen Klang als Band und als Sänger, als wenn man dann 66 ist. Wenn es danach geht, hätten wir schon mit Ende 20, Anfang 30 alles niederlegen müssen. Ich habe allerdings mit der Entscheidung, Sänger in einer Band zu sein, meinen Lebensmittelpunkt gefunden. Ich kann mich mit dem Schreiben von Songs therapieren, mich am Leben erhalten. Insofern denke ich nicht im Geringsten an eine Ruhezeit und bin glücklich, solange es diese Band gibt.

Frage: Sind Sie lieber ein Live-Musiker oder in ihrem Studio, um neue Musik zu schaffen?

Antwort: Für mich als Musiker ist beides sehr, sehr wichtig. Auf der Bühne im Konzert habe ich die aktuelle Reaktion des Publikums sofort vor meinen Augen. Wenn wir ins Studio gehen, dann ist es eine sehr konzentrierte Arbeit an, im Fall dieses Albums zwölf Songs, die wir dann herausgeben und dann müssen wir warten, wie es ankommt.

«Sehe uns nicht auf "Kling Klang" reduziert»

Frage: Wahrscheinlich kennen die meisten Menschen die Band Keimzeit für das Lied «Kling Klang» von 1993. Wie ist das für Sie, dass man sie als Band in erster Linie mit diesem einen Lied in Verbindung bringt?

Antwort: Aktuell gar kein Problem. Ich denke, die Handschrift von Keimzeit ist auch bei «Kling Klang» zu erkennen. Dass relativ viele Leute genau diesen Song ins Herz geschlossen haben, daran hat ja keiner Schuld. Man kann möglicherweise überdrüssig werden und das war ich auch schon hin und wieder. Aber ich sehe uns nicht reduziert auf «Kling Klang».

Frage: Wie erklären Sie sich diesen Erfolg genau dieses einen Songs?

Antwort: Vielleicht war es das Gefühl damals. Ich habe mir im Übrigen, was den Text angeht, gar keine großen Gedanken gemacht. Das musste irgendwie klingen, es musste singbar sein. Dann ist es beinahe ein Schlager geworden, was ich eigentlich ungern tue, aber ich konnte es nicht verhindern. Es ist ein Zauber, ein Mysterium, dass der eine oder andere Song eine so große Resonanz erfährt. Ich kann es nicht erklären.

Frage: Spielen Sie das Lied noch live?

Antwort: In der Tat ja. Beinahe kein Konzert ohne «Kling Klang».

Rund 40 Konzerte in diesem Jahr

Frage: Wie viele Konzerte wird Keimzeit dieses Jahr spielen?

Antwort: Ungefähr 40 Konzerte quer durch die Republik, darunter auch ein paar Besonderheiten. Im Sommer sind wir bei der Hanse Sail dabei. Wir fahren mit der Kieler Hansekogge auf die Ostsee raus und spielen viermal. Ende Juni fahren wir in einem wiederhergestellten D-Zug aus den 60er Jahren von Dresden nach Cottbus und geben ein Konzert.

Frage: Unterscheidet sich Ihr Publikum in Ost und West?

Antwort: Das ist eine klassische Frage - wie ist das hier im Osten, wie ist es im Westen. Sie wird mir nicht nur von den Medien immer wieder gestellt, sondern auch aus dem Publikum heraus. Ich sage dann: Koffer gepackt und kommt dort hin! Leute, die sich auf den Weg machen, um ein Keimzeit-Konzert zu besuchen, werden feststellen, dass es von der Grundstimmung genau das Gleiche ist – ob das nun in Köln ist oder in Leipzig. Es kommen aufmerksame Leute ins Konzert.

ZUR PERSON: Der Sänger Norbert Leisegang (65) gründete zu DDR-Zeiten mit seinen drei Geschwistern die Band Jogger, aus der Keimzeit hervorging. Aus der Anfangszeit ist nur noch sein Bruder Hartmut am Bass in der Band dabei. Leisegang lebt in Potsdam.

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