Die drängende Suche nach Anerkennung, Grenzüberschreitungen und Gewalterfahrungen - das waren die prägenden Erlebnisse von Sternekoch Tim Raue (52) in seiner Jugend in einer berühmt-berüchtigten Straßengang in Berlin-Kreuzberg. «Die "36 Boys" haben sich auch deswegen zusammengeschlossen, weil es darum ging, gesehen zu werden als Mensch, integriert zu werden», berichtete Raue bei der Vorstellung eines Buches über die türkische Bande, in der er im Alter zwischen 14 und 16 Jahren als einziger Deutscher Mitglied war.
«Es ging immer darum, den anderen zu helfen, wenn wir zu viel Scheiß gebaut haben. Weil zu wenig haben wir leider nicht gemacht», sagte Raue. Und fügte mit einem Lächeln hinzu: «Wir können ja über alles sprechen, es ist alles strafrechtlich verjährt.»
Prügeln als Aufnahmeritual
Als Aufnahmeritual musste sich ein Neuling drei Minuten mit zwei Mitgliedern hart prügeln. Man habe beweisen müssen, dass man durchhalte, erinnert sich Raue. «Ich habe keine drei Minuten geschafft. Aber es ging darum, dass Du den anderen zeigst: Du rennst nicht weg.»
Im Buch «36 Boys. Wie eine Kreuzberger Gang zur Legende wurde» schildert der Journalist Paul Christoph Gäbler die Geschichte der Gruppe. Darin wird auch beschrieben, wie Raue bei seiner Aufnahme zusammengeschlagen wurde. «Ich habe damals einen Cut gehabt, der jetzt fast weg ist, den ich aber mit Stolz trage», erzählt Raue über die blutende Wunde im Gesicht. Neben ihm steht dabei sein früherer Freund aus der Gang, Muzaffer «Muci» Tosun.
Auch Kämpfe mit anderen Banden hätten zum Kreuzberger Straßenleben dazu gehört. «Ich bin komplett gegen Gewalt mittlerweile. Aber damals war es wichtig, dass Du nicht abhaust. Der ganze Körper schreit: renn, renn, renn, wenn 60 Leute auf Dich zukommen», erinnerte Raue sich. «Wir waren damals so 30 oder 40, und Du weißt, das Verhältnis ist zwei zu eins. Und die anderen haben nicht ein Streichhölzchen dabei, sondern Baseballschläger. Da musst Du zeigen, dass Du bleibst.»
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten