loading

Nachrichten werden geladen...

Veröffentlicht mit CMS publizer®

Mit Triola und dem kleinen Angsthasen zurück ins Kinderzimmer

Tipi-Zelt und Kaspertheater; Fotos: Dagmar Möbius
Tipi-Zelt und Kaspertheater; Fotos: Dagmar Möbius

„Mutti räumt auf“ heißt eine Sonderausstellung im Museum Schloss und Festung Senftenberg. Weil die Schau über Kinderzimmer der DDR so erfolgreich ist, wird sie verlängert.

Eine Familie beugt sich über eine Vitrine im Obergeschoss. Bis hierher haben sie etwas über Festungsgeschichte, den Kosmos einer Kleinstadt und die Anfänge des Braunkohlebergbaus in der Lausitz gelernt. Zudem erfahren, dass Senftenberg bis 1815 zu Sachsen gehörte. Mit gelbem Bauhelm und Mut sind sie einen steilen, dunklen Gang ins Besucherbergwerk hinabgestiegen. Einst Burg, dann Schloss, Festung, später Gericht und Schule und nun Museum – in der 1000-jährigen Geschichte des Ortes nimmt die DDR nur einen Bruchteil ein. Doch kleine und große Besuchende zeigen sich seit Monaten von Exponaten aus ostdeutschen Kinderzimmern fasziniert.


Museum Schloss und Festung Senftenberg

Kreative Vorschulkinder


Bastelutensilien unter Glas wie Fädelperlen, ein Block Buntpapier, Knete, Plastekinderscheren und Stifte bilden einen Kontrast zum kohlegeschwärzten Stollen unter der Erde. Der Farbkasten sieht aus wie gerade stehen gelassen. Von der Kinderkrippe bis zur Vorschule wurde im Kollektiv gelernt, erklärt eine Infotafel. Darunter noch einmal kindgerecht zusammengefasst. Ein Mittvierziger erkennt seine grüne Kindergartenschürze aus Dederon wieder. Der Teenagersohn wundert sich über die spontane Freude seines Vaters. Unvorstellbar für ihn, dass die meisten Familien vor dem 20. Jahrhundert weder Geld noch Raum für eigene Wohn-, Spiel- und Schlafbereiche ihrer Kinder hatten. 


Unter Glas: Bastelutensilien

Das Kinderzimmer als vielschichtiger Ort


Im eigenen kleinen Reich darf man ungestört von den Eltern spielen, Freunde treffen, aber auch Hausaufgaben erledigen. Vielleicht am Arbeitsplatz der Kinderschrankwand Modell „Michaela“, vielleicht an einem selbst gezimmerten Schreibtisch. Im Schrank hängen gestrickte Pullover, selbstgenähte farbenfrohe Spielkittel und Lederhosen. Kinderbekleidung sollte vor allem praktisch sein. Aber nicht immer hatten Kaufhäuser saisongerechte Ware auf Lager. Do-it-your-self-Mode mit Schnittmustern aus Zeitschriften war üblich.  
Da klingelt das Telefon. Frau Puppendoktor Pille, nebenan im Schwarz-Weiß-Fernseher, wird zu einem Notfall gerufen: „Teddy und Hase sind vom Schaukelpferd gestürzt. Ich bin gleich da.“ 
Ein Tipi-Zelt, ein zweistöckiges Puppenhaus, ein Kaspertheater, ein Kaufmannsladen, Holzautos und ein Plastekipper stehen hinter einer Glaswand. Der große Teddybär liegt zugedeckt im Kinderbett. „Bummi, Bummi, brumm brumm brumm“, singt ein Mann vor sich hin. Ein kleines Schild weist darauf hin, dass Betten früher Sprungfedern hatten und heute aus Lattenrosten bestehen. Zwei rote Plüschtiere mit Plastegesichtern und großen Augen lümmeln auf einer Bank. Niedlicher als Labubus, finden zwei etwa 13-jährige Mädchen. 


Tipi-Zelt und Kaspertheater

Pädagogisch wertvolles Spielzeug 


Auf dem langen Gang mit acht doppeltürigen Kinderzimmerschränken wird es eng. Die Besuchenden fachsimpeln über Kassettenrekorder, Plattenspieler und Miniakkordeon. Sie lauschen dem „Traumzauberbaum“ und erkennen die Triola. Das bunte Blasinstrument mit farbigen Tasten sollte Kindern ermöglichen, leichter Töne zu lernen. Aha-Effekt: Die Instrumente wurden ab den 1960-er Jahren ausschließlich für die DDR produziert.
Kinder wollen beim Spielen vor allem Spaß haben. Erwachsene erwarten von Spielzeug, dass es nicht gleich kaputt geht und ihre Kinder etwas lernen. „Mutti räumt auf“ erinnert an den Thüringer Friedrich Fröbel, der mit verschiedenen Formen, Materialien und Farben die motorischen und kognitiven Fähigkeiten von Kindern fördern wollte. Baukästen aus Holz oder Metall sollten Kreativität inspirieren. Batteriegetriebene Panzer, die militärisches Interesse wecken sollten, werden nicht ausgespart. Matchboxautos aus Westpaketen auch nicht. Dass Ende der 1980-er Jahre 87 Prozent der in der DDR produzierten Spielwaren für Devisen ins Ausland exportiert wurden, erklärt, warum auch manch ostsozialisierte Menschen einige Spielwaren noch nie gesehen haben.

Zitat Ausstellungstext:
„Bücher sind besonders im Kindesalter wichtig, weil sie bei der Entwicklung helfen. Das Lesen und Hören von Geschichten ermöglicht es den Kindern den Wortschatz zu erweitern und sich besser zu verständigen. Zugleich fördert es ihre Vorstellungskraft.“



Schmaler Gang, großes Besucherinteresse

Peinliche Blumentöpfe und Tränen über den kleinen Trompeter


Simone Fehlberg steht vor den Bücherschränken und schwärmt: „Die haben wir alle gelesen.“ Mosaik-Hefte, „Die Reise nach Sundevit“, „Hirsch Heinrich“ oder „Alfons Zitterbacke“. Die 62-jährige bekennende Leseratte erschließt sich ihre neue Heimat in der Lausitz und hat sich im Museum auch über die Tagebaue informiert. „Es gab früher so viele gute Sachen und jetzt wird alles neu erfunden“, bedauert die Berlinerin und findet: „Wir hatten es gut als Kinder.“ Ihr Begleiter, der 65-jährige Senftenberger Jörg Naumann, sieht das ähnlich. „Zu DDR-Zeiten bin ich für 20 Pfennig Eintritt hier im Museum 'rumgerannt“, sagt er. Nach der Wende hat er über 30 Jahre in Westdeutschland gelebt. Heute begeistert ihn die museale Mischung vom Mittelalter über den Bergbau bis zur Sonderausstellung in seiner Heimatstadt.
„Guck mal die Blumentöpfe, waren die peinlich“, lacht eine entgegenkommende Seniorin, um unmittelbar ihren Mann zu fragen, ob er den kleinen Angsthasen noch kennt. „Ich glaube schon“, antwortet der. „Beim kleinen Trompeter habe ich immer Rotz und Wasser geheult“, gibt die Frau zu. Schnell weiter zu Lernspielen, Zuckertüte, Meister Nadelöhr, Sandmann und Sportgeräten. „Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport.“ Kein schlechtes Motto, auch aus heutiger Sicht.


Simone Fehlberg und Jörg Naumann erfreuen sich über Bücher ihrer Kindheit.

Die Ausstellung „Mutti räumt auf. Das Kinderzimmer der DDR“ ist noch bis 3. Mai 2026 in Senftenberg, anschließend ab 14. Mai 2026 im Spreewald-Museum Lübbenau zu sehen. Einmal monatlich finden Erlebnisführungen mit „Mutti“ statt, die nach dem Hausputz das Kinderzimmer wie Kraut und Rüben vorfindet.
https://museums-entdecker.de/ 


METIS